Inhaltsübersicht über die Aeneis

Die Aeneis stellt mit ihren 12 Büchern das letzte Werk Vergils vor seinem Tod dar. Die Arbeit an diesem Heldenepos dauerte 10 Jahre (29 - 19 v. Chr.). Mitten im Feilen an der Aeneis starb Vergil am 21. IX. 19 v. Chr. Testamentarisch hatte er zuvor verfügt, nichts Unveröffentlichtes herauszugeben und stattdessen die Buchrollen zu vernichten. Nicht nur seine Freunde Varius und Tucca, sondern auch Augustus setzten sich über diesen letzten Willen hinaus. Sie sorgten somit dafür, dass die Aeneis zu einem der wichtigsten Büchersammlungen von der Antike bis zur heutigen Zeit wurde.

Vergil nahm die Werke des griechischen Dichters Homer (vor 700 v. Chr.) zum Vorbild und erneuerte sie. Somit gleichen die ersten sechs Bücher der Aeneis der homerischen Odyssee, während der zweite Teil an die lateinische Ilias erinnert.

Hauptfigur ist der trojanische Aeneas, der als Flüchtling Irrfahrten und Kriege erleiden muß, ausgelöst durch den göttlichen Zorn, bis er schließlich die Stadt Rom gründet. Diese Geschichte gibt Vergil bereits im Proömium (Vorwort) vor und berichtet in den zwölf Büchern diesen schweren Weg bis zum Ziel (der Stadtgründung), welches aber selbst nur im Hintergrund bleibt.

Im gesamten Werk ist das Fatum - das Schicksal - für Aeneas wegweisend. Dieses bringt ihn immer wieder auf den "richtigen Weg", obwohl er verschiedenen Versuchungen widerstehen muß.

Inhalt der Aeneis

1. Buch

Ein von Iuno erregter Seesturm treibt die Schiffe des Aeneas und seiner Gefährten auf der Reise nach Italien an die afrikanische Küste ans karthagische Ufer. Venus, Mutter des Aeneas, bittet Juppiter um Hilfe für ihren Sohn. Der Göttervater berichtet ihr tröstend von dem Schicksal des Aeneas, daß er in Latium eine Stadt gründen werde und seinen Nachkommen, den Römern, absolute Herrschaft zukommen werde. Daraufhin klärt Venus in Gestalt einer Jägerin Aeneas über Land und Leute auf und läßt ihn mit einem Gefährten in einer geschützten Wolke nach Karthago zu Dido, der Königin des Landes, bringen. Gastfreundlich nimmt diese die Trojaner auf. Beim Gastmahl bittet sie Aeneas von seinen Erlebnissen und Irrfahrten zu erzählen, nachdem Amor in Gestalt des Jungen Ascanius (Sohn des Aeneas) Didos Herz für Aeneas gewonnen hat.

 

2. Buch

Auf Didos Wunsch berichtet Aeneas von Trojas Untergang: Im zehnten Kriegsjahr bauen die Griechen ein hölzernes Pferd, in dem sich die tapfersten Soldaten verbergen. Durch Laokoons Fall veranlasst, ziehen die Trojaner das Pferd als Geschenk der Griechen in die Stadt. Nachts kommt es zum Überraschungsangriff. Die Trojaner kämpfen tapfer, trotzdem kommt es zur Einnahme, Plünderung und Zerstörung Trojas. Göttliche Zeichen der Venus und des Jupiter bewegen Aeneas dazu, aus der brennenden Stadt zu fliehen. Mit seinem Vater Anchises, seinem Sohn Ascanius, seiner Gattin Creusa und den Hausgöttern, den Penaten, verlässt er die Stadt, wobei er Creusa verliert. Ihr Schatten weissagt ihm die Zukunft.

 

3. Buch

Aeneas erzählt Dido weiter über seine Irrfahrten: Mit anderen wenigen Überlebenden bricht er mit Schiffen auf. Er erreicht Thrakien, Delos, Kreta und Epirus, doch keiner der Orte ist für die Aeneaden als neue Heimat bestimmt. Ständig empfängt er göttliche Anweisungen oder Zeichen, die ihn weiterziehen lassen. Im Traum weisen ihn die Penaten nach Italien, wo er sich ansiedeln soll. Doch vorher gelangen sie nach Sizilien, wo Anchises in Depranum stirbt. Auf der Fahrt nach Italien wird Aeneas durch einen starken Seesturm an die afrikanische Küste nach Karthago verschlagen.

4. Buch

Dido vertraut sich ihrer Schwester Anna an. Diese rät ihr, ihre Unsicherheit abzulegen und sich mit Aeneas zu verbinden. Für diese Eheverbindung verbünden sich Venus und Juno. Bei einer Jagd kommt es zu einem Gewitter, das die beiden, Aeneas und Dido, in einer Höhle zusammentreffen lässt. Aeneas erwidert Didos Liebe. Deshalb schickt Jupiter den Götterboten Merkur, um ihn an seine Bestimmung (sein Schicksal, die Stadt Rom zu gründen) zu erinnern und ihn zur Abfahrt zu bewegen. Als Dido davon hört, macht sie dem Geliebten Vorwürfe. Doch die Aeneaden verlassen heimlich das Land, Dido begeht Selbstmord.

 

5. Buch

Auf dem Weg nach Italien unterbricht Aeneas seine Reise kurz auf Sizilien. Dort veranstaltet er am Jahrestag zu Ehren des dort verstorbenen Anchises festliche Spiele ( Wettkämpfe, wie Schiffsrennen, Wettlauf, Faustkampf, Pfeilschießen oder ein Reiterspiel). Es kommt zu einem durch Juno ausgelösten Schiffsbrand, den Jupiter durch Regen löscht. Im Traum erscheint Anchises dem Aeneas. Dieser rät ihm, einen Teil der Gefährten, nämlich Frauen und Greise, auf Sizilien zurückzulassen. Aeneas hört auf seinen Rat und bricht nur mit seinen treuesten Freunden zur Weiterreise auf.

 

6. Buch

Kurze Zeit später erreicht er Cumae (Neapel), wo er in der Grotte der cumaeischen Sibylle (Priesterin des Apollo) das Orakel befragt. Geleitet durch Tauben gelangt er zum Goldenen Zweig, mit dem er die Befugnis zum Abstieg in das Totenreich erhält. Unter Sibylles Führung macht er sich auf den Weg durch den avernischen Eingang. Dort trifft er unter anderem auf Dido, die sich aber von ihm abwendet. Zuletzt zeigt ihm sein Vater Anchises eine Schau der zukünftigen Helden - von Romulus bis Augustus - und lässt ihn kurz in die Geschichte seiner späteren Heimat einblicken. Dadurch ermutigt verlässt Aeneas die Unterwelt wieder.

 

7. Buch

Die Reise führt Aeneas und seine Gefährten weiter nach Latium an die Tibermündung. Ascanius beobachtet ein Zeichen, aus dem Aeneas erkennt, daß dieser Ort das verheißene Land ist. Durch eine Gesandschaft bittet er den König Latinus um Siedlungsland, der die Aeneaden gastfreundlich aufnimmt. Ein Orakel hat diesem Aeneas als Gatten für seine Tochter Lavinia vorausgesagt. Deshalb bietet er ihm Lavinia zur Ehe an. Auf Veranlassung Junos hetzt Allecto (Furie des Krieges und der Zwietracht) die Königin Amata und den sich um Lavinia bewerbenden Rutulerfürst Turnus zum Widerstand auf. Daraufhin wird das Bündnis gebrochen, aus allen Teilen Italiens kommen Verbündete Turnus zur Hilfe (zum Beispiel Mezentius), die unter seiner Führung zum Krieg rüsten.

 

8. Buch

 

Auf Rat des Flußgottes Tiber fährt Aeneas stromaufwärts zum Arkaderkönig Euander an die Stelle des späteren Roms. Euanders Sohn Pallas schließt sich mit einer Truppe den Trojanern an. Außerdem versucht Aeneas auch die Etrusker, die mit dem Verbündeten des Turnus Mezentius verfeindet sind, für sich zu gewinnen. Weitere Unterstützung bekommt Aeneas von seiner Mutter, denn Venus bittet den Schmiedegott Vulcan, für ihren Sohn Waffen zu fertigen; Darunter befindet sich ein Schild, das das künftige Schicksal der Römer zeigt.

 

9. Buch

Während der Abwesenheit des Aeneas greift Turnus, durch Iuno aufgemuntert, die Trojaner an. Als Turnus versucht, die trojanischen Schiffe zu verbrennen, durchkreuzt Jupiter dieses Vorhaben. Die Freunde Nisus und Euryalus bieten sich an, Aeneas vor der Gefahr zu warnen. Als sie durch feindliches Gebiet zu Aeneas vordringen wollen, werden sie entdeckt. Die zwei jungen Trojaner müssen beide ihr Leben lassen. Am nächsten Tag dringt Turnus ins trojanische Lager ein. Nach einem tapferen Kampf verliert er den Kontakt zu seinen Leuten, doch er kann sich in den Tiber retten.

 

10. Buch

In einer Götterversammlung stehen sich Juno und Venus im Streitgespräch gegenüber. Weil Jupiter sie nicht zur Versöhnung bringen kann, will er das Schicksal entscheiden lassen und lässt deshalb die Trojaner und die Rutuler um die Entscheidung kämpfen. Währenddessen kehrt auch Aeneas mit den verbündeten Völkern und Pallas aus Etrurien zurück. In der folgenden Schlacht bei Tagesanbruch stirbt Pallas durch die Hand des Turnus. Zu Ehren des Gefallenen tötet Aeneas viele Feinde. Juno hält Turnus vom Kriegsgeschehen fern, indem sie ihm ein Trugbild des Aeneas entgegenstellt, so daß nun Mezentius die Hauptlast am Kampf trägt. Dieser wird zunächst von dem wahren Aeneas nur verwundet. Als der Trojaner schließlich Mezentius Sohn tötet, stürzt er sich erneut in den Kampf, bei dem er schließlich durch die Hand des Aeneas fällt.

 

11. Buch

Ein kurzer Waffenstillstand wird geschlossen. Nachdem Aeneas den Leichnam des Pallas zu seinem Vater Euander gesendet hat, bestatten beide Parteien ihre Gefallenen. Der König Latinus und Turnus führen einen Kriegsrat, doch der Kampf entflammt erneut durch einen Angriff des Aeneas auf die Stadt Laurentum. Turnus überlässt unter anderem der italischen Amazone Camilla die Führung und zieht sich mit dem Fußvolk in einen Hinterhalt zurück. Erst als Camilla im Kampf fällt, kommt er seinen Leuten zur Hilfe. Bei Einbruch der Dunkelheit endet der Kampf.

 

12. Buch

Es kommt zu einem Vertrag zwischen Aeneas und den Rutulern: Turnus fordert einen Einzelkampf mit Aeneas. Er stimmt zu, doch durch Iunos Eingreifen kommt es zum Vertragsbruch. Es entflammt ein neuer Kampf. Als Aeneas die Streiter trennen will, wird er durch einen Pfeilschuß verwundet. Venus kann ihren Sohn heilen, doch währenddessen flieht Turnus mit Hilfe seiner Schwester Juturnia. Erst als Aeneas die Stadt in Brand setzt und sich die Königin Amata verzweifelt umbringt, stellt sich Turnus Aeneas zum Kampf. Der Trojaner will dem Unterlegenem zunächst das Leben schenken, doch schließlich tötet er Turnus, als er das Wehrgehenk des Pallas an ihm entdeckt, überwältigt von dem Gefühl, sich für den Tod des Pallas rächen zu müssen.

 

 

Quellen

- Giebel, Marion: Vergil, 4. Auflage, Hamburg: Rowohlt Taschenbuch GmbH 1999

- Spach, Gerald: P. Vergilius Maro, Aeneis; Auswahl, Einführung und Kommentar, 3. Auflage,Bamberg: St. Otto-Verlag 1975

- von Albrecht, Michael: Geschichte der römischen Literatur I, 2. Auflage, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft

- Schröder, R. A.: Vergils Aeneis, München: Winkler-Verlag 1963

Kathrin Niemeyer

01.07.2000