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NERO ALS AUßENPOLITIKER-
Ein Fallbeispiel Facharbeit
im Leistungskurs Latein
Viktoria-Luise-Gymnasium
Hameln
eingereicht bei
Herrn Schulz vorgelegt von Nadine Riedel Jahrgang 12 Hameln, der 15. Mai 2001 INHALTSVERZEICHNIS
I.
EINLEITUNG
Meine Facharbeit „Nero als Außenpolitiker- ein
Fallbeispiel“ probiert an Hand des von mir gewählten Beispiels Armenien Nero in
seiner Funktion als Außenpolitiker kritisch zu hinterleuchten. Sie umfasst die
in der Gliederung dargestellten Kapitel. Zunächst versuche ich Nero vorzustellen und mich seinem
Charakter mit einer Fixierung auf die Kunst, die einen beträchtlichen Teil
seines Lebens ausmacht, anzunähern, was jedoch im Hinblick auf die
Gesamtproblematik nur einen begrenzten Überblick bieten kann. Danach erläutere
ich die unterschiedlichen außenpolitischen Voraussetzungen und Leistungen in
Republik und Kaiserzeit, die gleichzeitig auch die an Nero gesetzte
Erwartungshaltung widerspiegeln. Das sich daran anschließende Kapitel über die
Außenpolitik unter dem Kaiser versucht, einen Gesamtüberblick zu schaffen,
damit die Außenpolitik des Princeps nicht nur hinsichtlich eines Teilaspekts
bewertet wird, den ich in Kapitel V anführe. Ausgewählt habe ich hierfür
Armenien, einerseits, weil mich die dortigen Ereignisse am meisten interessiert
und fasziniert haben, andererseits, weil die sehr kontrovers diskutierte
Quellenlage Anreiz für eine eigene Interpretation bot, die nicht immer leicht
zu finden war. In der Zusammenfassung versuche ich, die einzelnen Abschnitte in
ein größeres Gefüge einzuordnen, um so meine Ergebnisse abzuleiten. Bei wörtlichen ins Deutsche übertragenen Zitaten aus den
antiken Geschichtswerken der Annalen des Tacitus und der Nero-Vita von Sueton
habe ich bei dem ersteren die Übersetzung des Artemis-Verlages Zürich und
München 1982 zu Grunde gelegt und bei dem letzteren beziehe ich mich auf die
ins Deutsche übertragenden Formulierungen von Marion Giebel. Unglücklicherweise
konnte ich in diesem Zusammenhang nicht auf einen weiteren bedeutenden
Schriftsteller der Antike, Cassius Dio, zurückgreifen, da mir der erforderliche
Band nicht vorlag. Um die von mir gewählten Zitate in den Text einzuordnen,
habe ich die Kurzbelegmethode im Text gewählt. II.
NERO, WER WAR DAS?
1. Kurzüberblick
Am 15. Dezember
37 n. Chr. wird der spätere Kaiser Nero als Lucius Domitius Ahenobarbus in
Antium (vgl. Abb.1 im Anhang) geboren. Seine Mutter Julia Agrippina die Jüngere
ist die Urenkelin des Kaisers Augustus und Tochter des beim Volk beliebten
Feldherrn Germanicus und auch sein Vater Gnaeus Domitius Ahenobarbus hat eine
„Blutsverwandtschaft mit dem Kaiserhaus“ (TACITUS, Annalen IV,75) aufzuweisen
(vgl. Abb. 2). Als seine Mutter
39 n. Chr. von ihrem Bruder, dem Kaiser Caligula, in die Verbannung geschickt
wird, wächst Lucius bei seiner Tante Domitia Lepida auf und wird dort von
„einem Tänzer und einem Barbier“ (SUETON, Nero 6,3) erzogen. Ab seinem 3.
Lebensjahr steht er wieder unter der Obhut seiner aus dem Exil zurückgekehrten
Mutter, die 49 n. Chr. den Nachfolger Caligulas, Kaiser Claudius, heiratet.
Dieser adoptiert den 12jährigen Lucius, der daraufhin den Namen Nero Claudius
Caesar Drusus Germanicus annimmt (vgl.
SCARRE 1996, S. 51), am 25. Februar 50 n. Chr. Mit 13 Jahren erhält Nero früher
als allgemein üblich die toga virilis, die ihn als volljährig
kennzeichnet. Von diesem Zeitpunkt an kann er sich mit den von seinem berühmten
Lehrer, dem Philosophen Seneca, verfassten Reden im Senat in Rhetorik üben. Am
13. Oktober 54 n. Chr., ein Jahr nach der Hochzeit mit Claudius Tochter
Octavia, wird Nero mit 16 Jahren zum Nachfolger des von seiner Gattin Agrippina
ermordeten Kaisers bestimmt und heißt fortan Nero Claudius Caesar Augustus
Germanicus (vgl. SCARRE 1996, S. 51). Die ersten fünf
Jahre seiner Regierung bleiben der Nachwelt als Quinquennium Neronis in
Erinnerung, einem vom späteren Kaiser Trajan geprägten Begriff. Es sind Jahre
eines senatsfreundlichen Kurses, in denen
Seneca und der Prätorianerpräfekt Afranius Burrus als Berater des
Princeps fungierten. In den 13
Jahren, in denen Nero Kaiser ist, lassen nicht wenige Personen, die in
verwandtschaftlichen Verhältnis mit dem Kaiserhaus stehen und somit Anspruch
auf die Krone hätten erheben können, ihr Leben. Neros berühmteste Opfer sind
sein Stiefbruder Britannicus, seine Mutter Agrippina und die Familie der Silani. Im Jahre 62 n.
Chr. lässt sich Nero von Octavia scheiden, um seine Geliebte Poppaea Sabina
heiraten zu können, die ein Jahr später eine nur wenige Monate lebende Tochter
zur Welt bringt. Im gleichen Jahr finden nach dem Tod seines engen Beraters
Burrus und der Distanzierung Senecas vom Kaiserhof unter den nachfolgenden Prätorianerpräfekten
Faenius Rufus und Ofonius Tigellinus zahlreiche Hochverratsprozesse statt. Das
von den Verurteilten enteignete Vermögen wird zum Bau neuer Häuser und auch zum
Wiederaufbau der Stadt nach dem großen Brand Roms im Juli 64 n. Chr. verwendet,
bei dem von den vierzehn Stadtvierteln drei vollständig zerstört werden (vgl.
VANDENBERG 2000, S. 224). Als mögliche Brandstifter lässt Nero unzählige
Christen hinrichten. 65 n. Chr. wird
die gegen Nero vorbereitete Verschwörung unter dem Rädelsführer Gaius
Calpurnius Piso aufgedeckt, bei der von den 70 Angeklagten 20 zum Tode
verurteilt und 13 ins Exil geschickt werden (vgl. FINI 1994, S. 192). Unter den
Opfern befinden sich der frühere Erzieher Neros, Seneca, und sein
Prätorianerpräfekt Faenius Rufus. Unmittelbar danach beginnt eine erneute Welle
von Hochverratsprozessen, denen sich Nero im September 66 entzieht, indem er
eine Griechenlandreise unternimmt. Von dieser muss er jedoch durch die sich
verschärfende Krisensituation im Reich vorzeitig im März des Jahres 68 nach Rom
zurückkehren. Im letzten Jahr
seiner Amtszeit werden in Gallien und in Spanien mehrere Aufstände gegen den
Kaiser geführt und nachdem Galba vom Senat am 8. Juni zum neuen Princeps (vgl.
VANDENBERG 2000, S. 323) und Nero zum Staatsfeind erklärt wird, begeht dieser
auf dem Landsitz seines Sklaven Phaon, der vier Meilen vor Rom zwischen der Via
Salaria und der Via Nomentana gelegen ist (vgl. Abb.1), am 9. Juni 68 n. Chr.
im Alter von 30 Jahren Selbstmord. 2. Nero: mehr Künstler als Kaiser?
Schon in Neros Jugend und
den ersten Jahren als Princeps wird seine von SUETON erwähnte „Sehnsucht nach
Unsterblichkeit und ewigem Ruhm“ (Nero 55,1) in künstlerischer Hinsicht
deutlich: Seine Stimme lässt er nämlich von dem renommierten Kitharasänger Terpnus
ausbilden und veranstaltet den Pflichten seines Amtes zum Trotz lieber
Schauspiele und Wettkämpfe, die seiner Öffentlichkeitswirksamkeit beim Volk
dienen und seine Beliebtheit steigern. Als Beispiele sind die Juvenalien oder
die von ihm eingerichteten Neronia anzuführen, an denen er als Schauspieler
auch selbst teilnimmt. Damit gibt er zwar dem Bedürfnis des Volkes nach
circenses nach, aber seine Herrschaftsgewalt überlässt er überwiegend
anderen wie Seneca und Burrus und später Tigellinus. Als Periodonikes, d.h.
Gewinner der wichtigsten musischen Agone in Griechenland, lässt er bei
seiner Rückkehr nach Rom einen Triumphzug abhalten. Da dieser normalerweise nur
nach politisch- militärischen Siegen stattfindet, beweist diese Tatsache, dass
er die Künste aufzuwerten versucht. Aus diesem Grund lässt er bei innerhalb
seines Reiches aufgeführten Schauspiele und eingerichteten Wettkämpfen sogar
angesehene Senatoren auftreten. Ein Ausspruch, den er während seiner
Künstlerreise durch Griechenland tätigt, belegt zusätzlich, dass die Kunst bei
ihm im allgemeinen einen höheren Stellenwert einnimmt als die Politik. Denn als
ihn sein Stellvertreter Helius wegen der schwierigen politischen und
wirtschaftlichen Lage in Rom bittet, seine Reise abzubrechen, antwortet Nero:
„Du magst mir zwar raten und wünschen, daß (sic!) ich rasch zurückkehre, du
solltest es jedoch viel eher als deine Pflicht ansehen, mir zuzureden und den
Wunsch auszusprechen, daß (sic!) ich eines Nero würdig zurückkehre.“ (SUETON,
Nero 23,1) Seine 1808 gewonnenen Preise (vgl. MALITZ 1999, S. 123) sind ihm
dabei wichtiger als seine Zukunft als Kaiser. Denn wie er selbst sagt, ernährt
die Kunst überall ihren Mann (vgl. SUETON, Nero 40,2). Und auch die letzten
Worte, die Kaiser Nero kurz vor seinem Selbstmord mehrfach wiederholt, gelten
seinem Leben als Künstler: „Qualis artifex pereo!“ (SUETON, Nero 49,1)
Dies lässt uns die Frage
aufwerfen, welche Signifikanz er der Außenpolitik in seiner Regierungszeit
einräumt und ob seine künstlerischen Neigungen und Fähigkeiten auch dort ihre
Spuren hinterlassen.
III. AUßENPOLITISCHE VORAUSSETZUNGEN UND LEIS- TUNGEN IN REPUBLIK
UND KAISERZEIT
Die im republikanischen Rom
in außenpolitischer Hinsicht vorherrschende Ideologie des Imperialismus ist das
römische Streben nach der Herrschaft über den orbis terrarum.
Außenpolitische Erfolge mittels militärischer Eroberungen,
die Roms Hegemonie vorantreiben, steigern folglich das Ansehen der in
Kriegszeiten das Amt des Feldherrn bekleidenden führenden Politiker und fördern
als Konsequenz auch ihre politische Karriere im Innern. Durch die
Konkurrenzsituation unter den zivilen Magistraten (vgl. Abb. 3) wird die
Expansion des Stadtstaates daher immer schneller vorangetrieben (vgl. Abb. 4). Diese Mehrung
des eigenen Besitzstandes ist zwar die verfolgte Absicht, jedoch geschieht sie
unter dem Deckmantel des sogenannten bellum iustum als Rechtfertigung
eines Feldzuges. Rom darf deshalb im Kriegsfall nicht als Aggressor bzw.
Angreifer auftreten, sondern nach römischem Selbstverständnis nur als
Angegriffener und Schützer des eigenen Reiches oder auch als Verteidiger seiner
Bündnispartner. Das übergeordnete Ziel dieser militärischer Operationen und der
Vertragsschließung mit anderen Ländern ist dabei immer die Möglichkeit, dort an
Einfluss zu gewinnen, sie zu schwächen und anschließend die jeweiligen
Gebietsstände zu annektieren. In der
Kaiserzeit mit dem Regierungsantritt des Augustus fällt die o.a.
Konkurrenzsituation der republikanischen Zeit weg, da der Kaiser zwar als
oberster Feldherr, jedoch auch als alleiniger Herrscher erscheint (vgl. Abb.
5). Die außenpolitische Expansion als Mittel zur Selbsterhöhung tritt daher in
den Hintergrund. Als Symbol steht das Schließen der seit 237 v. Chr.
offenstehenden Pforten des Janus-Tempels 29 v. Chr. durch Kaiser Augustus zum
Zeichen des Beendens der Kriege und für einen dauerhaften Friedenszustand (pax
Augusta). Und indem der Princeps nach der vernichtenden Niederlage des
Varus 9 n. Chr. die für seine Nachfolger verpflichtende Leitthese vorgibt, den
Besitzstand zu bewahren, um nicht unnötig die Machtposition des Reiches zu
gefährden, ist er in den Augen seiner Zeit der Garant für eine friedliche
Verträglichkeit. Äußerlich sichtbar wird die Grenzsicherung durch den Bau von
Befestigungsanlagen an den von Augustus festgelegten Territorialgrenzen Donau,
Rhein und Euphrat. Zusammenfassend
bestand die Zielsetzung der Politik in der Republik in dem totalen
Machtanspruch gegenüber anderen Ländern mit anschließender Expansion des
Stadtstaates Rom zum Imperium Romanum. Das Verdienst der Kaiserzeit
dagegen ist, dass der Krieg nicht mehr als ausschließliche Lösung bei
Diskrepanzen mit anderen Staaten angesehen wird, sondern Aufwand und sich
abzeichnender Erfolg in angemessener Relation zueinander stehen müssen. Daher
werden statt aufreibender Kriege zur Errichtung von Provinzen seit Augustus
vermehrt Klientelkönige eingesetzt, um eine politische Intervention zu
erreichen. IV.
KURZÜBERBLICK ÜBER DIE AUßENPOLITIK BEI NERO
Unter Neros
Regierungszeit (vgl. Abb. 6) gab es drei Kriegsschauplätze: Britannien, Judäa
und Armenien. Daneben standen noch Feldzüge in den Kaukasus zur Sicherung der
Getreidelieferungen nach Rom und Vorbereitungen für eine Expedition nach China
in Planung. Britannien (vgl.
Abb. 7) trat erstmals unter Caesar in den Jahren 55 und 54 v. Chr. als Ziel der
Eroberungspolitik der Republik in Erscheinung. Jedoch blieb der Versuch einer
Unterwerfung erfolglos und Caesar konnte sich durch einen von den Britanniern
veranlassten Waffenstillstand mehr oder weniger erfolgreich nach Rom
zurückziehen. Im Anschluss galt der Südosten als römisches Einflussgebiet, der
unter Claudius 43- 48 n. Chr. dem Römischen Imperium als Provinz zugeschlagen
werden konnte. Die Flüsse Severn und Trent markierten etwa die Grenze, an der
die außerhalb lebenden Stämme, wie z. B. die Silurer eine ständige Bedrohung
darstellten. Nero wollte die
Insel zunächst aufgeben wegen möglicher hoher Verluste, jedoch entschied er
sich dann als junger Kaiser mit Rücksichtnahme auf die konservativ- republikanisch
eingestellten Senatoren zu einer vollständigen Annexion, obwohl er selbst gegen
eine Expansionspolitik war (vgl. SUETON, Nero 18,1). Suetonius
Paulinus nahm sich nach dem zunächst bestimmten Feldherrn Veranius, der kurze
Zeit später verstarb, den Eroberungsplänen an und versuchte zunächst die vor
Wales gelegene Insel Mona zu unterwerfen, die als Rückzugsgebiet der Gegner
galt. Nach erfolgreicher Beendigung dieses Unterfangens wurde er durch den
Aufstand der Ikener, einem Keltenstamm im Osten, überrascht. Die Auslöser waren
der Tod des Königs Prasutagus, durch den der Stamm seine Souveränität an Rom
verlor, die Unzufriedenheit gegen die römischen Steuern, die Habgier des
Prokurators Decianus, der ihnen, wie anderen Stämmen zahllose Ländereien enteignete,
sowie auch die Forderungen der Geldverleiher Roms. Unter Boudicca, der Witwe
des verstorbenen Königs und Anführerin der Aufständischen, denen sich auch die
Trinovanten anschlossen, gelangen ihnen zahllose militärische Erfolge, jedoch
wurden sie von Paulinus in einer Entscheidungsschlacht geschlagen und die
Rebellion war beendet. Die anschließende durch Nero intendierte Herrschaft
kennzeichnete sich durch eine Appeacement- bzw. Friedenspolitik mit einer
friedlichen Romanisierung, da die vorherige Situation gezeigt hatte, dass eine
Politik der Härte zu keinem entscheidenden Frieden führt. Judäa war ein
weiterer Krisenherd, da die dort ansässigen Griechen mit den Juden in ständigem
Konflikt standen. Unter dem Statthalter Florus kam es wegen der Plünderungen
des Prokurators Anfang 66 zu einem Zelotenaufstand der jüdischen Bevölkerung,
der der römischen Besatzungsmacht zahllose Niederlagen einbrachte. Erst nach
der Ernennung Vespasians, dem späteren Kaiser, zum Kommandanten konnte dieser
68 von dem eroberten Galiläa aus die römische Oberhoheit wiederherstellen. Armenien (vgl.
Abb. 9) war neben Britannien die größte außenpolitische Herausforderung, der
sich Nero als junger Kaiser stellen musste. Es wurde in einer neun Jahre
dauernden Auseinandersetzung mit den Parthern, die ich später eingehend
untersuchen möchte, zu einem sich auf die römische Oberhoheit stützenden Staat
gemacht. Ein weiteres
außenpolitisches Ereignis stellte die friedliche Annexion der Cottischen Alpen
nach dem Tod seines Königs an der Grenze Italiens dar (vgl. Abb. 8) und auch
Pontus Polemoniacus westlich Armeniens ging in römische Herrschaftsgewalt über,
nachdem dessen Monarch Polemon abgedankt war und wurde zu einem wichtigen
Grenzgebiet im Osten des Reiches. Bei den Plänen zur Eroberung des Kaukasus kam
Nero nicht über eine Rekognoszierung (=Erkundung) des Gebietes hinaus ebenso
wie bei seinen Plänen, China zu erforschen. V.
FALLBEISPIEL ARMENIEN
1. Voraussetzungen:
Armenienkonflikt vor Neros Zeit
Die ersten Verträge,
die Rom mit den Parthern schloss, wie z. B. das foedus des Sulla 92 v.
Chr. kamen unter dem republikanischen Weltherrschaftsanspruch Roms zustande. Zwar war die
Basis die eines paritätischen Verhältnisses, jedoch lässt sich aus dem
Verhalten und Handeln des Pompeius, der im Jahr 66 ein Abkommen mit den
Parthern vereinbarte, eine vorsätzliche Verletzung der festgelegten
Territorialgrenze erkennen. Daraus kann abgeleitet werden, dass Rom das
parthische Großkönigtum nicht als souveränen, gleichwertigen Staat anerkannte,
wie es in den Verträgen vereinbart war, sondern als weiteren Gegner, der im
Zuge der Expansionspolitik zu besiegen und zu annektieren war. Diese
Einstellung mündete in dem Eroberungsfeldzug des Crassus 54 v. Chr., der, ohne
dass Kriegsgründe (causae belli) im Sinne eines bellum iustum (vgl.
Kap. III) vorhanden waren, größere Teile des parthischen Einflussgebietes
östlich des Euphrat besetzte. Ein Jahr später jedoch erlitt er bei Karrhai eine
schmachvolle Niederlage mit Verlust der Feldzeichen und der Geiselnahme
zahlreicher Soldaten. Dies lässt
darauf schließen, dass die Parther in ihrer Wertschätzung bei den Römern nach
dem Sieg gestiegen waren und von Seiten Roms daraufhin eine friedvollere
Politik gegenseitiger Achtung und Verständigung betrieben werden würde. Das
Gegenteil war der Fall. Dass die Römer einen ebenbürtigen Gegner hatten,
unterminierte ihr Bestreben nach der Herrschaft über den orbis terrarum.
Die Forderung nach Vergeltung und Unterwerfung trat, zu erkennen an den Vorbereitungen
eines Eroberungsfeldzugs durch Caesar, immer mehr in den Vordergrund. Seitdem
befand sich Armenien durch den nach der Niederlage „mehr oder weniger offenen
Kriegszustand“ (ZIEGLER 1963, S. 44) beider Großmächte unter wechselnder
Oberhoheit des römischen wie auch des parthischen Reiches. Unter dem
Kaisertum wurde von dieser imperialistischen Politik Roms mit dem
Friedensvertrag 20 v. Chr. unter Augustus, der die Anerkennung der
Euphratgrenze und die römische Oberhoheit über Armenien beinhaltete, Abstand
genommen und Parthien als ebenbürtiger Gegner anerkannt. Das Interesse an
Armenien war durch seine Armut zwar kein wirtschaftliches, jedoch verursachte
die direkte Nachbarschaft zu dem reichen Syrien, einem römischen Vasallenstaat,
die Furcht bei den Römern, dass mit der Eroberung Armeniens durch die Parther
auch Syrien in deren Einflussgebiet geraten könnte. Es gab jedoch keine
ernsthaften Ambitionen mehr, die Grenzen des Kaiserreiches, wie oben erwähnt,
weiter nach Osten zu verschieben und so begnügten sich die Gegner im Hinblick
auf den Friedensvertrag 20 v. Chr. damit, nur den Armenienkonflikt als ungelöst
zu betrachten und abwechselnd Klientelkönige auf dem armenischen Thron
einzusetzen. Bei Regierungsantritt des Nero übte der Bruder des gegenwärtigen
Partherkönigs Vologaises mit Namen Tiridates die Amtsgewalt über Armenien aus. Alles in allem ging es den Römern bei der ersten Berührung
mit den Parthern um ihre die imperialistische Ideologie erfüllende weitere
Ausdehnung nach Osten. Unter diesem Vorwand brachten sie auch Armenien in ihre
Gewalt, um anschließend ganz Parthien zu erobern. In der Kaiserzeit wurde der
Anspruch auf die Weltherrschaft zu Gunsten einer Einigung zurückgestellt. Die
wechselnde Herrschaftslage in Armenien blieb nach längerer Friedensphase jedoch
bestehen. 2. Kurzüberblick über
die Ereignisse in Armenien unter Nero
a)
Auseinandersetzungen Die Ausgangslage zu Beginn von Neros Herrschaft bestand
darin, dass, wie oben erwähnt, Tiridates als Klientelkönig Parthiens den
armenischen Thron innehatte. Nachdem der Vorschlag Neros, Tiridates solle sich
unter römische Oberhoheit begeben, um weiterregieren zu können, abgelehnt
wurde, setzte der Kaiser 54 n. Chr. Cn. Domitius Corbulo als Heerführer ein. Es
kam zu keinerlei militärischen Berührungen, da die Parther die Truppen aus
Armenien abzogen, weil innenpolitische Konflikte durch den Aufstand der
Hyrkaner sie dazu zwangen. Eine Geiselübergabe von Seiten der Parther, um
friedliche Ambitionen zu zeigen, führte jedoch zu keiner Entspannung, da die
Römer den parthischen Anspruch auf Armenien nicht anerkennen wollten. Nachdem Corbulo
seine Verbände gerüstet hatte, begann 58 n. Chr. die Offensive gegen Armenien.
Nach einigen Kampfhandlungen und dem Rückzug des Tiridates konnten die
römischen Truppen die Hauptstadt Artaxata ohne Wiederstand einnehmen. Ebenso
eroberten sie nach einem verlustreichen Marsch die 2. Hauptstadt Tigranokerta.
Damit war Armenien in römischer Hand und auch der Versuch des Tiridates von
Medien aus, Armenien 60 n. Chr. unter erneute parthische Kontrolle zu bringen,
schlug fehl. Nero setzte nun
den aus Kappadokien stammenden Tigranes als römischen Klientelkönig ein. Dieser
verletzte jedoch die parthischen Rechte, indem er Adiabene (Assyrien), einen
Vasallenstaat des Großkönigs Vologaises, angriff. Der Partherkönig bestimmte
daraufhin seinen Bruder Tiridates zum neuen armenischen König und machte diesen
Anspruch geltend, indem er vor Syrien aufmarschierte und seinen Bruder in
Armenien einfallen ließ. Während der
Belagerung Tigranokertas durch die Parther kam es zu einem Teilerfolg der Römer
mit einem Waffenstillstandsabkommen, das besagte, dass sich die Parther sowie
auch die Römer ihrerseits aus dem umkämpften Gebiet zurückziehen sollten. Auf
diplomatischem Weg kam es mit den Parthern in Rom zu keiner Einigung, sodass L.
Caesennius Paetus 61 n. Chr. mit dem militärischen Kommando in Armenien betraut
wurde und Corbulo sich nach Syrien zurückzog. Die Feldzüge des
Paetus endeten damit, dass er im Winterlager von den parthischen Truppen
eingeschlossen wurde. Da Corbulo auf Grund der Entfernung nicht rechtzeitig
Unterstützung bieten konnte, kapitulierte Paetus in Rhandeia mit dem Ergebnis
eines unbehelligten Abzugs, dem Zurücklassen aller Vorräte und Befestigungen
und einem erneuten Waffenstillstand. VANDENBERG beschreibt eindringlich das
ärmliche Aussehen der rückziehenden Truppen (vgl. 2000, S. 205) und GRANT fügt
hinzu, dass Paetus das Gebiet „mit der panischen Geschwindigkeit von 60
Kilometern pro Tag verließ, wobei er unterwegs noch die Verwundeten zurückließ“
(1978, S. 105). Corbulo erreichte in Verhandlungen den rechtlichen Status vor
Paetus Angriff, d.h., dass beide Parteien Armenien verließen. In Rom entschied
sich Nero 63 n. Chr. gegenüber einer parthischen Gesandtschaft dagegen,
Tiridates den Königsthron zu überlassen und ihn anzuerkennen und überließ
Corbulo den Auftrag, vor Armenien gewaltige Truppenverbände zusammenziehen zu
lassen. Unter diesen Voraussetzungen akzeptierte Vologaises Neros Vorschlag,
dass Tiridates sich unter römisches Protektorat stellen sollte und auf einem
Treffen in Rhandeia 64 n. Chr. legte Tiridates sein Königsdiadem vor dem
Kaiserbildnis nieder, das er später von Nero in Rom wiedererhalten sollte. b)
Tiridates zur Übertragung der Königswürde in Rom 65 n. Chr.
begann Tiridates, begleitet von seinem Bruder Vologaises sowie seinem Hofstaat
und mehreren tausend parthischen Reitern und römischen Soldaten, seine 9 Monate
dauernde Reise nach Rom, die nach VANDENBERG den Zug der drei Könige aus dem
Morgenland in seiner biblischen Überlieferung beeinflusst haben soll (vgl.
2000, S. 212). Bezahlt wurde diese aufwendige Reise von dem römischen Staat,
der auch Rom selbst ausschmücken ließ. Auf dem Forum
Romanum fand die Krönung des Tiridates, der durch Proskynese seine
unterwürfige Stellung nach außen hin deutlich machte und von Nero im
Triumphalgewand empfangen wurde, statt. Er bekam nach beiderseitiger Ansprache
sein 64 n. Chr. abgelegtes Königsdiadem aufgesetzt und zum Zeichen des
fortwährenden Friedens ließ Nero, wie schon Augustus früher, die Tore des
Janus- Tempels im Anschluss daran feierlich schließen. 3. Neros außenpolitische Leistungen Da, wie wir aus
Kapitel II bereits wissen, Nero seine Regierungsgeschäfte zumindest während
seiner Abwesenheit seinen Beratern überließ, ist zu prüfen, wie groß die
Beteiligung des Princeps an den Entscheidungen während des Armenienkonfliktes
war, was jedoch nicht eindeutig zu klären ist. Es kann lediglich vermutet
werden, dass sich Nero als sehr junger Kaiser zu Beginn seiner Herrschaft auf
die Erfahrenheit des Prätorianerpräfekten Burrus verließ und später dann mehr
Eigeninitiative entwickelt hat. Alles in allem wurden Nero als oberstem
Feldherr des Reiches sowieso jegliche militärische Leistungen zugeschrieben,
auch solche, an denen der Kaiser faktisch nicht beteiligt war. Aus diesem Grund
ist die Bedeutung einer Teilhabe des Kaisers an der außenpolitischen
Entwicklung für die damalige Zeit unterzuordnen. Dass Nero für
die Lösung des Armenienkonfliktes Corbulo als Kommandanten eingesetzt hat, wird
auch von dem republikanisch- imperialistisch eingestellten TACITUS gelobt, da
dieser Feldherr ein Mann von „großer Umsicht“ (Annalen XI,18) war. Mit der
Ernennung Tigranes als römischen Klientelkönig bewies er dagegen keine
besondere Weitsichtigkeit. Dessen Angriff auf parthisches Hoheitsgebiet
entwickelte sich nämlich zu einem ernstzunehmenden außenpolitischen Konflikt
mit den Parthern und verursachte das auf dieser Grundlage basierende
schlechtere Endresultat, was später näher erläutert werden soll, maßgeblich
mit. Betrachten wir
dieses Resultat und vergleichen es mit der Ausgangslage vor der militärischen
Intervention der Römer, so lässt sich erkennen, dass sich die Tatsachen nicht
verändert haben: Vorher wie hinterher hatte Tiridates die armenische
Herrschaftsgewalt inne. Gewechselt haben lediglich die Voraussetzungen seiner
Regierung. So erhielt er anfangs seine Legitimation als Armenierkönig von
seinem Bruder, dem Partherkönig Vologaises. Nach seiner Inthronisierung in Rom bekam er seinen Herrschaftsanspruch von
den Römern. Hier lässt sich die Frage anführen, ob dies nicht nur nach außen
hin mit Blick auf das Volk Roms einen Unterschied bedeutet hat. Da Nero nämlich
durch die Krönung und öffentliche Unterwerfung des Tiridates, die SUETON „inter
spectacula“ (Nero 13,1) zählte, sowohl das Volk Roms als auch durch diese
Machtdemonstration die konservativ- republikanisch eingestellten
Senatorenkreise befriedigte, konnte er seine innenpolitische Lage
stabilisieren. Außenpolitisch jedoch bedeutete dieses Ergebnis einen Verzicht
auf den alleinigen Anspruch der Römer auf das Armenische Reich. Und wirkliches
Mitspracherecht über das errichtete römische Protektorat werden die Römer wohl
auch nur theoretisch gehabt haben, da praktisch ein Parther auf dem
Armenierthron saß, der sich weit mehr seinem Bruder Vologaises als Partherkönig
verpflichtet fühlen mochte, als dem römischen Kaiser. Jedoch muss ausdrücklich
darauf hingewiesen werden, dass Nero bewusst die diplomatische Politik des
Augustus und dessen Leitmotive wiederaufnahm und durch die Einigung ein
freundschaftliches Verhältnis zu den Parthern mit einem 50 Jahre dauernden
Frieden vorweisen kann, in dessen Zusammenhang die Parther auch nicht die
Judäa- Krise zur militärischen Intervention in Syrien ausgenutzt haben. VI.
ZUSAMMENFASSUNG
An den
außenpolitischen Erfolgen und Misserfolgen lässt sich auch Neros
innenpolitische Stellung gegenüber dem Senat und dem römischen Volk ablesen. In
seiner Anfangszeit als Kaiser, in der er militärische Erfolge aufzuweisen
hatte, konnte er seine Beliebtheit steigern, jedoch verlor er durch
schmachvolle Niederlagen, die er auf allen Kriegsgebieten zu verzeichnen hatte,
wie aus Kapitel IV hervorgeht, insbesondere jedoch durch die des Paetus in
Armenien an Glaubwürdigkeit und auch seine Entscheidung, das Imperium Romanum
nicht weiter auszudehnen (vgl. SUETON, Nero 18,1), führte zu einer Verärgerung
des Senats. In diesem Zusammenhang äußert sich TACITUS als Angehöriger der
Aristokratie folgendermaßen: „Quippe haud alias tam immota pax (...).“ (Annalen
XV, 46) Damit macht er auf vorwurfsvolle Weise deutlich, dass er diese Abkehr
von allen imperialistischen Bestrebungen seitens Nero auch und gerade die Schließung
der Tore des Janus- Tempels 66 n. Chr. nicht billigt. Ein großes Verdienst des
Princeps jedoch ist, dass er durch seine Politik der Verständigung an allen
Grenzen des römischen Reiches längerfristigen Frieden bewirkt hat. Seine Ambitionen
als Künstler haben sicherlich zu einer Kompetenzabtretung in außenpolitischer
Hinsicht geführt und den Eindruck entstehen lassen, Nero feiere seine Siege
lieber als sie selbst zu verwirklichen, da er nie persönlich auf einem
Schlachtfeld anwesend war. Auch trugen sie, sowie die Situation gegenüber dem
Senat maßgeblich zu dem Sturz Neros bei, obwohl auch der Außenpolitik in dieser
Hinsicht eine gewisse Bedeutung zukommt. Insgesamt
gesehen ist Nero ein zwar auf sein Ansehen bedachter, aber in Kontroverse dazu
eine Versöhnungspolitik verfolgender Außenpolitiker, der die Sicherung der
Reichsgrenzen, die Vorgabe des Augustus, verwirklichen konnte. VII.
LITERATURVERZEICHNIS
1. Primärliteratur SUETON: Nero. Stuttgart
1978. TACITUS:
Annalen. München 1982. 2. Sekundärliteratur BECHERT,
Tilmann: Die Provinzen des Römischen Reiches. Mainz am Rhein 1999. CHRIST, Karl:
Geschichte der Römischen Kaiserzeit. München 1988. FINI, Massimo:
Nero- Zweitausend Jahre Verleumdung. München 1994. GESCHE, Helga:
Rom- Welteroberer und Weltorganisator. München 1981. GRANT, Michael:
Nero- Despot- Tyrann- Künstler. Müchen 1978. HEIL, Matthäus:
Die orientalische Außenpolitik des Kaisers Nero. München 1997. KÖNIG, Ingemar:
Der römische Staat II- Die Kaiserzeit. Stuttgart 1997. MALITZ, Jürgen:
Nero. München 1999. MOMMSEN,
Theodor: Römische Kaisergeschichte. München 1992. SCARRE, Chris: Die Römischen Kaiser- Herrscher von
Augustus bis Konstantin. Düsseldorf 1996. SEYFARTH, Wolfgang: Römische Geschichte- Kaiserzeit 1. Berlin 1974. TACITUS: Historien. Stuttgart 1984. VANDENBERG, Philipp: Nero- Kaiser und Gott, Künstler und Narr. Bergisch
Gladbach 2000. WELLS, Colin: Das Römische Reich. Nördlingen 1985. ZIEGLER, Karl-Heinz: Die Beziehungen zwischen Rom und dem Partherreich.
Wiesbaden 1963. 3. Lexika KINDER, Hermann/HILGEMANN, Werner: dtv-Atlas Weltgeschichte- Band 1- Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. München 1964. |