Das Bild des römischen Soldaten in der antiken Literatur
Soldaten
müssen schwitzen
Die lateinische Vokabel miles hat auch im Singular die Bedeutung eines Sammelbegriffes, bei dem der Soldat nur als Teil einer Masse gesehen wird und nicht als Individuum.
Auch Tacitus schließt sich dieser Auffassung
an. In seinen Werken gebraucht er häufig den Begriff
vulgus für die Masse der einfachen Soldaten. In seiner
pessimistischen Sichtweise bezeichnet er die Handlungen der Soldaten als
durch ira und furor, schlimmstenfalls
sogar durch ferocia gesteuert durch Wildheit,
affektgeladene Wut ohne Geist und Verstand.
Auch von den Herrschenden wurden die Miles
häufig als manipulierbare Masse missbraucht, die ihren Herrschaftsanspruch
sichern sollte. Wer das Militär hinter sich hatte, hatte die
Macht.
Die Bevölkerung sah in den Soldaten in
Kriegszeiten blutdürstige, triebhafte Kampfmaschinen und in Friedenszeiten
unnütze Fresser die nur durch andauernde körperliche Anstrengung
von einer Meuterei abgehalten werden konnten. Sie betrachteten sie als
Söldner und reduzierten sie auf ihre berufliche Existenz. Die Vorgesetzten
hatten die Aufgabe, die Moral (sapientia / prudentia) in der Armee
aufrecht zu erhalten und die Triebe und Gelüste (libidines /
cupido) der Soldaten zu unterdrücken. Das Rezept dafür lautete:
Respekt (devotio) durch Disziplin. Wenn es Schwierigkeiten in der
Truppe gab, wurde empfohlen, Übungen durchführen zu lassen, bis
der Schweiß fließt. Das Schwitzen wurde also mit Strafe
gleichgesetzt. Der Kriegsdienst (militia) war unausweichlich mit
Schweiß und Arbeit verbunden (sudor / labor). Nach einem
durchmarschierten Tag mussten die Miles in Kriegszeiten noch ein Nachtlager
errichten und Wache stehen.
Dieser Preis milderte den Sozialneid der Zivilisten,
zusätzlich zu dem Überlegenheitsgefühl, das die empfanden.
Der Wert eines Soldaten wurde in der Menge des Schweißes gemessen,
den er vergoss. Gleichzeitig verursachte der Gedanke daran bei der
Bevölkerung Abscheu.
Gönnten sich
die Miles als Entschädigung
für die Mühen etwas Luxus, zum Beispiel heiße Bäder
(Thermen), befürchteten die Bürger sofort eine Verweichlichung
und damit einen Verlust an Schutz. Um diese Angst zu unterdrücken, stellten
sie sich das Soldatenleben spartanischer vor, als es in Wirklichkeit war.
Hohe Kosten im Militärhaushalt, die zu Steuererhöhungen führten,
wurden paradoxerweise dennoch dem ausschweifenden und verschwenderischen
Leben der Soldaten zugeschrieben.
Als das herausragendste Merkmal eines Soldaten
galt bei der Bevölkerung seine Dummheit. Er ist das Bild seiner
bäuerlichen Abstammung (rusticus / agrestis) nie los geworden
und galt als naiv, vulgär und stupide. Durch ihre erzwungene Isolation
verstanden die Miles die Witze der Städter nicht, die häufig auf
ihre Kosten gemacht wurden, und reagierten aggressiv, wenn ihnen das Gesagte
bewusst wurde. Tatsächlich aber waren die Soldaten vor allem in
Fremdsprachen oft gebildeter als die meisten Zivilisten. Sie konnten sie
besser sprechen und schreiben. Dies ist verständlich, da die Armeen
kulturelle Schmelztiegel waren, in denen internationale Kommunikation
erforderlich war. Ihre Umgangssprache (sermo vulgaris) musste sich
durch Knappheit, Ausdruckskraft und Verständlichkeit auszeichnen. Zudem
hatten die Miles Spaß an Ironie, bildhaften und metaphorischen
Sprachgebrauch und erfanden mit Phantasie und Humor neue
Ausdrücke.
Viele antike Autoren zeichneten ein Ideal des Soldaten, dem keinesfalls man gerecht werden konnte. Er sollte ein Exempel sein für die Schicht, die arbeiten musste, um im Alter ein Auskommen zu haben, die sich für den täglichen Lebensunterhalt aufreiben und die persönliche Freiheit zurück stellen musste. Selbstverleugnung, Mut und Zähigkeit sollten die Markenzeichen des Soldaten sein. Die Zivilisten stellten die höchsten moralischen Ansprüche an die Miles: Er ist die Weltseele, die den Leib der Welt zur Vernunft bringt (Maximus Tyrensis). Der Soldat wurde als hochgezüchtetes Rassetier gesehen, was sich auch in den Bezeichnungen wiederspiegelt: fortisssimi / gennaiotatoi.
Da dies natürlich für kaum jemanden
den erträumten Lebensweg dar stellte, waren viele Bürger sicherlich
froh darüber, dass die Berufsarmee die Wehrpflicht aufhob und sie so
Zeit für ihren Hof oder für ihr Handwerk hatten, das sie früher
im Kriegsfall im Stich lassen mussten. Von den Miles verlangten die dagegen,
dass sie die vorgegebenen Tugenden ausnahmslos in die Tat umsetzten. Gleichzeitig
beneideten die Zivilisten die Soldaten um die Privilegien, die diese innehatten.
Verständlicherweise betrachteten die Miles dies als selbstverständlich
und als Gegenleistung für den Einsatz ihres Lebens und für die
Entbehrungen.
Die Hauptursache für das verzerrte und
hauptsächlich negative Bild, das die Zivilisten von den Soldaten und
von ihrem Leben hatten, ist ihre Unkenntnis.
Vor allem Augustus bemühte sich, die Soldaten
vom zivilen Leben abzuschirmen und jeden Kontakt zu den verweichlichenden
Städten vermeiden: Der Kontakt mit Zivilisten versaut den
Soldaten (Tacitus). Vielleicht war der eigentliche Grund aber auch
die Angst der Bürger, ihre Wohnungen könnten als Herberge für
Soldaten beschlagnahmt werden (hospitium).
Die Bürger kannten die Soldaten deshalb
höchstens als Urlauber und Veteranen. Das wirkliche, alltägliche
Leben der Armee blieb ihnen verborgen, da sie nur in größeren
Städten wie Rom oder Alexandria von dauerhafter Präsenz war. Hier
sorgte sie vor allem für die Aufrechterhaltung der öffentlichen
Ordnung, wie eine Polizei, oder war als persönliche Garde des Kaisers
eingesetzt. Diese sehr speziellen Truppen konnten der Bevölkerung also
keineswegs ein charakteristisches Bild von der Armee übermitteln.
Realistische Eindrücke erhielten die Zivilisten
nur, wenn ihre nähere Umgebung Schauplatz einer Kampfhandlung wurde.
In diesem sehr seltenen Fall
waren die Erlebnisse natürlich sehr traumatisch und erschrecken und
vor allem wenig geeignet, eine positive Einstellung gegenüber der Armee
zu erzeugen. Der Soldat wurde dadurch zur Albtraumfigur, die mit Blut, Verlusten
und Tod in Zusammenhang gebracht wurde.
Aufgrund dieser Unwissenheit konnten die Bürger
nur auf Vorurteile und Gerüchte zurückgreifen, die ein bis zur
Unkenntlichkeit verfälschtes Bild lieferten, das sich nur auf die
Besonderheiten und überbewertete Einzelfälle bei den Soldaten
beschränkte. Man glaubte auch, dass die ständige Auseinandersetzung
der Armee mit den Barbaren die Soldaten beeinflussen würde.
Die zeitgenössischen Romane haben sehr selten
einen Soldaten unter den Protagonisten, höchstens als Verkörperung
der kaiserlichen Autorität. In Theaterstücken symbolisierte er
den beschränkten Aufschneider.