Tacitus als Historiker:

sine ira et studio ?!

 

Kurzbiographie des Tacitus:

Publius Cornelius Tacitus wurde um 55n Chr. geboren und starb vermutlich in dem Zeitraum zwischen 117 – 120. Wie nicht wenige römische Autoren hat auch Tacitus neben seinem literarischen Werk eine erfolgreiche öffentliche Tätigkeit aufzuweisen. Seine Laufbahn führte vom Prätor (88) bis zum Konsulat (97) und zur Verwaltung der Provinz Asia unter Kaiser Trajan. Seit 77 war er mit der Tochter des damals amtierendem Konsuls Julius Agricola verheiratet. Neben der Schriftstellerei und insbesondere der Geschichtsschreibung war er auch ein gefeierter Redner, ebenso wie sein Freund Plinius d.J..

 

Tacitus Werke:

In seinem um das Jahr 100 veröffentlichtem Werk Dialogus de Oratoribus erörtert er das Thema den Verfall der Beredsamkeit im Stile eines Cicero. Dabei ist es ihm besonders wichtig aufzuzeigen, daß die Redekunst gerade in der republikanischen Epoche gedeihen konnte und insbesondere unter den Kaisern an Reife und Größe sowie in ihrer Freiheit drastisch eingeengt wurde.

Bereits um das Jahr 98 entstand sein zweites Werk, und zwar das unter dem Titel Germania bekannte Werk De origine et situ Germanorum (Über den Ursprung und Wohnsitz der Germanen). Dieses Werk ist in zwei Hauptabschnitte zu unterteilen. Zunächst beschreibt er das Land, das Aussehen und den Ursprung sowie das öffentliche und private Leben der Germanen; im zweiten Abschnitt berichtet er dann über die geographische Gliederung der Sitten und Gebräuche der einzelnen germanischen Stämme.

Die Quintessenz die Tacitus dabei herausstellen will, ist der Kontrast zwischen der unverdorbenen Einfachheit der Germanen und der drohenden Dekadenz bei den Römern. Das Ergebnis dieses geschickten Vergleichs ist demzufolge, daß er lieber die Bürger Roms kritisiert als die Germanen ernsthaft porträtiert.

In einem seiner bekanntesten Werke, den Historiae, berichtet er über die Herrschaft der Flavier. Auch in diesem Werk ist auffällig, daß sich auch hierin der Verfall des Guten widerspiegelt. Denn die Herrschaft der Flavier beginnt mit Kaiser Titus, gefolgt von Vespasian; schließlich endet diese Herrschaft in der Tyrannei des Domitian.

Einen ähnlichen Aufbau hat sein Werk Annales aufzuweisen. Dieses beginnt mit dem Tode des "göttlichen" Augustus und schließt mit dem des Kaiser Nero, der ebenfalls als Schreckenskaiser bekannt ist. Die herrschende einseitig negative Stimmung innerhalb dieser beiden Schriften ist beim Lesen gar nicht zu verkennen.

 

Tacitus Art der Geschichtsschreibung:

Am Beispiel des "Agricola" läßt sich am deutlichsten die Widersprüchlichkeit der Gattungszugehörigkeit seiner Werke aufzeigen. Der Autor selbst scheint sein Werk einmal als Biographie, dann wieder als Historiographie zu betrachten. Die Kapitel 4 – 9 mit dem chronologischen Schilderung der Schicksale des Helden sind in der ganz bekannten biographischen Technik abgefaßt; die Kapiteln 10 – 39 dagegen könnten auch einem Geschichtswerk entnommen sein. Dabei nutzt Tacitus Mittel wie den ausführlichen Bericht über Agricola neben landeskundlichem Exkurs, detaillierter Schlachtenbeschreibung oder die Darstellung und Analyse der Feldzüge.

Nach neueren Studien ist man daher zu der Auffassung gelangt, daß gerade der Agricola als Antwort auf die stoisch geprägten Biographien aus Senatskreisen verstanden werden muß, die den Opfern der Tyrannei von Nero und Domitian gewidmet sind. Ihr Tod wird darin als Bewährung sittlicher Autarkie verstanden und ist nur zur persönlichen Vollendung, nicht aber für das Allgemeinwohl geeignet.

Hier setzt Tacitus Kritik an: ihr Verhalten brachte dem Staat keinen Nutzen – Agricolas Zurückhaltung und Fügsamkeit hingegen haben, weil sie mit den alten Römertugenden vigor und industria gepaart waren, der Republik zu neuem Ruhm verholfen. Die Tüchtigkeit dieses Mannes ist dabei nicht etwa eine Tugend im Katalog des Agricola, sondern vielmehr entscheidendes Politikum und elementar für das Gemeinwohl. Tacitus zeigt somit exemplarisch, daß es auch unter gemeingefährlichen Kaisern durchaus anständige, dem Staatswohl verpflichtete Politiker geben kann und kontert damit gegen das individualistische Vollkommenheitsideal stoischer Herkunft.

Nun wird auch deutlich, inwieweit sich die Kombination der beiden Literaturgattungen anbietet. Die Biographie der damaligen Zeit sollte das Leben eines Mannes in Kategorien einteilen, um sie dann moralisch zu verdeutlichen. Tacitus will jedoch klarstellen, daß diese Einteilung seinem Schwiegervater nicht gerecht wird – nur wer den geschichtlichen Hintergrund der Schreckensherrschaft Domitians berücksichtigt und versteht, daß sich Beispiele (frühere Ereignisse) und Normen (kategorische Einteilung) aus der Geschichte nicht auf die Gegenwart transponiert werden können, kann auch dessen Leistungen würdigen.

Am Agricola zeigt sich aber auch deutlich, daß Tacitus wesentlich stärkeres Interesse an Personen und ihren Verhaltensweisen aufbringt als historischen Tatsachen, die ohnehin seinem gebildeten Publikum bekannt gewesen sein dürften. Am Ende des Werkes im Kapitel 45 baut Tacitus eine Spannung über das Ende des Helden auf, die er nicht etwa durch dessen Tod, sondern durch die Grausamkeit des Tyrannen und die Mitschuld des eingeschüchterten Senats einschließlich sich selbst löst. Darin sehen einige Historiker den Versuch, durch Analyse der individuellen Facetten der Menschen sein persönliches Domitiantrauma zu verarbeiten.

 

Tacitus Rolle als Historiker – am Beispiel des Lucius Aelius Seianus:

Anhand des von Tacitus selbst geprägten Motto seiner Tätigkeit – sine ira et studio – wird zu untersuchen sein, inwieweit er wirklich unbefangen nicht nur die historischen Fakten und Quellen sondern insbesondere auch die handelnden Personen analysiert und beurteilt. Dieser Abschnitt kann als durchaus beispielhaft für die Grundhaltung des Autoren gelten, denn schon aus der Aufteilung seiner Bände von relativ guten Kaisern zu ziemlich niederträchtigen und verbrecherischen Scheusalen stellt sich Tacitus als jemand vor, dessen negative Grundhaltung ihn Geschichte als Verfallsprozess begreifen läßt.

Zu Beginn des vierten Buches seiner Annalen beleuchtet er den Kommandeur der in Rom stationierten Prätorianergarde, den Präfekten Seian. Schon in den ersten Sätzen der Einleitung schlägt Tacitus dabei in einer Weise zu, die der Historiker Donald R. Dudley als böswillig bezeichnet: "Später wußte er Tiberius durch allerhand Kunstgriffe derart von sich einzunehmen, daß der gegen alle anderen Männer verschlossene Mann gegen ihn allein offenherzig und vertrauensselig wurde. Nicht seiner Geschicklichkeit verdankte er dies – sie war es, die ihn schließlich zu Fall brachte – sondern dem Zorn der Götter gegen Rom! Denn für Rom war seine Macht ebenso verderblich wie sein Sturz!"

Für die römischen Leser seiner Annalen setzt Tacitus an dieser Stelle bewußt eine deutliche Parallele Seianus – Catilina. Dieser hatte im Konsulat Ciceros einen Staatsstreich unternommen, nach dessen Fehlschlag er in Rom als das Sinnbild schlechthin des Topterroristen und vor allem auch als hinterhältiger und brutaler, allein auf Macht bedachter Politiker galt, der die Republik mutwillig ins Verderben gestoßen hätte. Besonders die identischen Wendungen wie in Sallusts "De Catilinae Coniuratione" dürften mindestens dem überwiegenden Teil der römischen Intellektuellen aufgefallen sein.

Auf der anderen Seite wissen wir aber, daß Tacitus und später Cassius Dio aus den gleichen zeitgenössischen Quellen geschöpft haben. Nach Ansicht des Historikers Dieter Hennig hat sich Tacitus die ihm zugänglichen Materialien nicht kritiklos übernommen. Erst auf dem Hintergrund seiner republikanischen Gesinnung wird verständlich, wieso er beispielsweise im Zusammenhang mit der Zusammenlegung der Prätorianerkohorten in Rom in erster Linie auf die (unkontrollierbare) Machtzunahme des Präfekten hingewiesen hat. Damit hat sich Tacitus jedoch nicht zufrieden gegeben, sondern hat, wie der Vergleich zu Sueton und Cassius Dio zeigt, Seian auch im Vergleich zum für ihn wesentlich anerkennungswerteren Tiberius mit tiefem Haß verfolgt. Anders lassen sich die Parallele zu Catilina, die Veranschaulichung als skrupellosen und verschlagenen Verbrecher sowie das Bild der gegen Rom erzürnten Götter nicht erklären.

Tacitus entstammte dem alten, vormals staatstragenden Senatorenadel und hatte die selbst Nero und Caligula an Grausamkeit übertreffende Diktatur Domitians überlebt. Doch sein Stand sah sich nun nicht nur seiner politischen und geistigen Freiheit beraubt, sondern auch konkret der Willkür der Kaiser ohne republikanische Rechtstaatlichkeit ausgeliefert und damit in mehr oder weniger akuter Lebensgefahr. Wie für die der Provinz entstammenden neuen Senatoren Roms üblich, assimiliert sich auch Tacitus mit dem Denkmuster der alten Adelsfamilien – schon um dazu zugehören. Konservativ sind seine Thesen zu der Außenpolitik der Diplomatie unter Augustus und Tiberius, auf die er sich nach dem Imperialismus und der Expansion in der Ära der Republik keinen Vers machen kann. Auch sein elitäres Bewußtsein, welches anderen Völkern viel Verachtung entgegenbringt, birgt deutlich den Gesichtspunkt in sich, Rom sei allen anderen Völkern überlegen. Mehr als alles andere fällt jedoch seine beißende Kritik an der nun in Rom etablierten Dekadenz auf, die Tacitus in der Darstellung der Barbaren, denen er altrömische Vorstellungen zuschreibt und das sich anbahnende Verderben aufzeigt.

Doch war Tacitus viel zu sehr auch Pragmatiker, als das man ihn auf verkrampftes Altrömertum beschränken könnte. Er sieht durchaus auch in der neuen Zeit sein Gutes und nennt u.a. die Bautätigkeit.

 

Fazit:

Auch wenn auf den ersten Blick die gerade im Vergleich zur heutigen Geschichtsforschung die fatale Voreingenommenheit des Autors auffällt, muß man auch sein besonders tiefgehendes Verständnis für das Verhalten der Menschen hervorheben. Gleichermaßen ist meiner Ansicht nach auch die Kreativität der Autors hervorheben, der einsah, daß im Prinzipat republikanische Geschichtsschreibung infolge der Materiallage versagen mußte und bereit war, sie zu überwinden.

Fakt ist aber auch, daß er sein Motto – "sine ira et studio" – nicht befolgt hat, sondern es zeitweise ins Gegenteil verkehrte!

 

 

Verwendete Literatur:

  1. Stöver, Hans Dieter, Die Prätorianer, Langen Müller Verlag München, 1994, S. 187 ff.

  2. Dihle, Albrecht u. Albrecht, Michael von, in: Glücklich, Hans – Joachim, Der altsprachliche Unterricht, Schöningh Verlag Paderborn, 1988, S. 42 ff. u. S. 53 ff.

  3. Harenberg Lexikon der Weltliteratur, Harenberg Verlag Dortmund, 1989, S. 2795 f.

  4. Verschiedene Enzyklopädien...

Olaf Reißmann (10.10.2000)