Agrippina

 Agrippina

Eine der mächtigsten Frauen Roms

Geboren wurde Agrippina am 6. November wahrscheinlich im Jahr 15 n. Chr. in Köln. Ihr Vater war Germanicus Iulius Caesar, der adoptierte Sohn des regierenden Herrschers Tiberius. Ihre Mutter war Vipsania Agrippina, die Stief- und Schwiegertochter des Kaisers, die üblicherweise Agrippina die Ältere genannt wird, um sie von ihrer Tochter zu unterscheiden.
 
 

 
 

Ein Familienporträt:
Zu sehen sind auf der linken Hälfte Claudius und Agrippina d. J.  und auf der rechten Hälfte 
Germanicus und Agrippina d. Ä.. 


Agrippina die Jüngere zeichnete sich besonders durch ihr ehrgeiziges und zielbewußtes Streben nach Macht aus. Aufgrund dieser starken Persönlichkeit und ihrer familiären Abstammung spielte sie eine wichtige Rolle in der römischen Geschichte. Zwar waren Frauen in Rom von der unmittelbaren Politik ausgeschlossen, sie hatten aber dennoch die Möglichkeit über die männlichen Familienmitglieder Einfluß zu nehmen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Und diese Möglichkeiten benutzte Agrippina. Jedoch gab es auch für Agrippina Konkurrenten innerhalb der eigenen Familie, die ebenfalls nach Macht strebten. Da sind ihre beiden Schwestern, Iulia Drusilla und Iulia Livilla, beide jünger als sie, zu nennen, vor allem aber ihr Bruder Gaius, besser bekannt unter dem Namen Caligula, geboren im Jahr 12 n. Chr. Er sollte vom Jahre 37 an nach dem Tod des Tiberius das Römische Reich vier Jahre lang regieren. Mit ihm verband seine Schwester Agrippina große Hoffnungen, doch später bedeutete er eine große Gefahr für ihr Leben. Schließlich ist auf ihren Onkel Claudius hinzuweisen, der ganz unerwartet die Nachfolge Caligulas antrat und für Agrippina zu einer der beiden Schicksalsfiguren ihres Lebens wurde.
Zum Zeitpunkt Agrippinas Geburt führte ihr Vater Germanicus Krieg gegen die rechtsrheinischen Germanen, wodurch dieser in der Bevölkerung Roms ein großes Ansehen genoß. Kurz nach ihrer Geburt wurde Germanicus eine neue Aufgabe im Osten zugeteilt. Er bekam das Kommando über Syrien, Iudäa und die angrenzenden Provinzen, nur der Kaiser Tiberius stand noch über ihm. So lebte Agrippina wie auch ihre Geschwister von Anfang an in engster Verbindung mit den höchsten politischen Machtträgern im Reich und im selbstverständlichen Ansehen, daß auf die Kinder des Germanicus übertragen wurde. Vermutlich blieb Agrippina, während ihre Eltern im Osten waren, in Rom zurück, vielleicht im Haus ihrer Großmutter Antonia. Sie erlebte aber trotzdem das Mißtrauen, die Korruption, die Unbedenklichkeit bei der Wahl der Mittel, die bis zum Giftmord führte. Denn dieser Einfluß wirkte auf das noch sehr junge Mädchen am meisten durch ihre Mutter. Als ihr Vater Germanicus im Jahre 19 n. Chr. Plötzlich im Alter von 34 Jahren unter mysteriösen Umständen in Syrien starb, bestand für ihre Mutter kein Zweifel, daß ihr Mann auf Veranlassung seines Adoptivvaters Tiberius getötet worden sei. 

Aus den folgenden Jahren bis 37 n. Chr., dem Todesjahr des Tiberius ist über Agrippinas Leben kaum etwas bekannt, außer der Tatsache ihrer Heirat. Natürlich erhielt sie eine entsprechende Bildung gemäß ihrer hohen gesellschaftlichen Stellung. Im Jahre 28 wurde Agrippina im Alter von 12 oder13 Jahren von Tiberius verheiratet. Ihr Mann wurde der damals 28jährige Cn. Domitius Ahenobarbus. 

Ihre Mutter wurde im Jahre 29 auf die Insel Pandateria, weit vor der Küste Kampaniens, verbannt, weil sie Tiberius auch in der Öffentlichkeit indirekt als Giftmörder beschuldigt hatte. Dort starb sie vier Jahre später aus Protest den Hungertod. Doch die Erinnerung an ihre Mutter pflegte Agrippina mit großer Intensität.

Eine entscheidende Wende nahm Agrippinas Leben nach dem Tod des Tiberius im März des Jahres 37 n. Chr. Sein Nachfolger wurde Caligula, der letzte noch überlebende Bruder Agrippinas, drei oder vier Jahre älter als sie. Mit seinem Regierungsantritt verband sie Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Seinen drei Schwestern gab Caligula eine Sonderstellung. Er präsentierte sie in Gestalt von Göttinnen. Wahrscheinlich hatte er eine sexuelle Beziehung zu allen seinen Schwestern.

Am 15. Dezember des Jahres 37 gebar sie einen Sohn, L. Domitius Ahenobarbus, bekannt unter dem Namen Nero. Ihr Mann starb Anfang des Jahres 40 eines natürlichen Todes. Daraufhin, nachdem auch der Wahnsinn ihres Bruders nicht mehr zu übersehen war, ließ sich Agrippina in eine Verschwörung gegen ihn ein. Doch die Verschwörung scheiterte und Agrippina kam mit dem Leben davon. Sie wurde aber auf die Pontinischen Inseln verbannt und ihre Güter wurden eingezogen. Glücklicherweise änderte sich die politische Situation schnell. Am 24. Januar wurde Caligula ermordet, und Agrippinas Onkel Claudius wurde überraschend Kaiser, was sich für Agrippina sehr positiv auswirkte. So holte Claudius sie wieder aus ihrer Verbannung zurück und stattete sie mit einem Vermögen aus. Wieder in Rom zurück suchte Agrippina nun nach einem neuen Mann, durch den sie wieder politischen Einfluß üben könnte. Ihre Wahl fiel auf C. Sallustius Crispus Passienus, einen höchst einflußreichen und vermögenden Senator. Vermutlich fand ihre Hochzeit im Jahre 41 statt. Wenige Jahre später jedoch war sie schon wieder Witwe. Auch der regierende Herrscher Claudius war nach dem Tod seiner Gattin Messalina, zu der Agrippina kein besonders gutes Verhältnis gehabt hatte, im Jahre 48 wieder frei.

Unmittelbar nach dem Tod Messalinas begann ein Wettstreit unter den Freigelassen des Claudius, wer die neue Nachfolgerin präsentierte. Denn wer mit seinem Vorschlag Erfolg hatte, würde später über sie wohl erheblichen Einfuß ausüben können. Agrippina war die Favoritin des Pallas, der für die Finanzen des Staates zuständig war. Er übte wohl zu dieser Zeit die größte Macht auf Claudius aus. Außerdem wird überliefert, Pallas sei ein Liebhaber Agrippinas gewesen. Ein besonders entscheidender Vorteil Agrippinas war ihre starke Persönlichkeit, denn Claudius hatte gerne eine starke Frau an seiner Seite. Einziges Problem bei dieser Ehe stellte ihre enge Verwandtschaft zueinander dar. Denn nach römischen Recht war eine Heirat zwischen Onkel und Nichte nicht möglich. Deshalb änderte Claudius das Gesetz in der Hinsicht, daß es nun jedem erlaubt war, seine Nichte zu heiraten, jedoch folgte diesem Beispiel kaum jemand. Die Hochzeit der beiden wurde Anfang des Jahres 49 gefeiert.

Durch diese Heirat besserte sich ihre Situation gewaltig, denn selbstverständlich hatte sie an Claudius Macht und Ansehen teil. Nun hatte sie endlich die Möglichkeit, sich eine politische Machtposition zu schaffen, wobei sie allerdings nicht so sehr ihre weibliche Anziehungskraft einsetzte wie Messalina. Sie erhielt noch zu Lebzeiten Claudius den Beinamen Augusta. Auch hob sie sich durch besonders prunkvolle Kleidung ab, und ihr Porträt erschien auf römischen Münzen. Außerdem wurde eine Gruppe von Prätorianern als Schutz für sie abgestellt. Nie zuvor wurde eine Frau in der römischen Geschichte so herausgestellt. Weiterhin übte sie über den Freigelassenen Pallas Einfluß auf Claudius auf. Zum Dank dafür, daß er ihr zu der Heirat mit Claudius verholfen hatte, sorgte sie dafür, daß er reichlich mit Ehrenabzeichen belohnt wurde. Außerdem hatte sie durch ihn Zugriff auf die Staatskasse. Auch soll sie ihr Vermögen durch Prozesse und Morde vergrößert haben.

Ihr größtes Ziel war es jedoch, ihre Macht auch nach Claudius Tod zu stärken, indem sie ihren Sohn Nero zu seinem Nachfolger machte. Deshalb erwirkte sie bei Claudius, ihren Sohn Nero zu adoptieren, obwohl es dafür keinen vernünftigen Grund gab, da Claudius selbst zwei leibliche Kinder hatte, Britannicus und Octavia. Octavia war vorher mit Iunius Silanus verlobt gewesen. Doch Agrippina brachte Claudius dazu, diese Verlobung zu lösen und Octavia mit Nero zu verloben. Damit hatte Claudius zwei künftige Erben, Britannicus und Nero. Doch anstatt beide gleichermaßen zu fördern, präsentierte er dem Volk Nero als seinen Erben und vernachlässigte Britannicus, obwohl sich dieses nicht durch eine Unfähigkeit des Britannicus oder besondere Qualitäten des Nero erklären läßt. Erklären läßt sich dieses Vorgehen nur durch den starken Einfluß der Agrippina auf Claudius, die wahrscheinlich auch in dieser Sache von Pallas unterstützt wurde. Und obwohl sie natürlich sich des brutalen Charakters ihres Sohnes bewußt war, nahm sie dieses nicht als Gefahr für sich selbst auf, denn sie hoffte, ihn beherrschen zu können.

Um nicht irgendein Risiko einzugehen, sorgte sie persönlich für Claudius Tod. Sie bestellte eine Giftmischerin, doch als das Gift nicht wirkte, da Claudius seinen Magen mit übermäßigem Essen überlastet hatte. Daraufhin befahl sie seinem Leibarzt, schnell und direkt zu handeln. Am 13. Oktober 54 n. Chr. war Claudius tot.

Der offizielle Wechsel der Macht von Claudius zu Nero verlief ohne Komplikationen, denn das Testament des Claudius wurde nicht verlesen, und Britannicus erhob keinen Anspruch auf die Macht. Auch die Soldaten unterstützten Nero und Agrippina. Nero selbst war jedoch erst 17 Jahre alt und noch nicht in der Lage, die Regierungsgeschäfte allein zu übernehmen. Also war Agrippina diejenige, die diese Entscheidungen traf. Die ersten anderthalb Jahre scheint sie eine beherrschende Rolle gespielt zu haben. Die Macht mußte sich Agrippina aber mit Seneca und Burrus teilen, die sich nach anfänglicher Zusammenarbeit von ihr abwendeten und versuchten, gegen sie zu arbeiteten. Besonders Seneca, der Lehrer Neros, drängte seinen Schüler, sich dem Einfluß der Mutter zu entziehen.

Bereits im Jahre 55 soll es zum entscheidenden Bruch zwischen Nero und Agrippina gekommen sein. Grund dafür war die Trennung Neros von Octavia. Diese Trennung war Ausdruck dafür, daß sich Nero bereits dem Einfluß seiner Mutter entzogen hatte. Obwohl sich Agrippina redlich darum bemühte wieder Einfuß auf ihren Sohn Nero zu bekommen, gelang ihr dieses, selbst durch ein inzestuöses Verhältnis, nicht. Er entließ Pallas, ihren größten Unterstützer. Verzweifelt drohte sie damit, Britannicus zu seinem Gegenspieler aufzubauen. Aber Nero ließ diesen Anfang des Jahres 55 vergiften. Nero entzog ihr viele ihrer Statussymbole, so auch ihre persönliche Leibwache. Auch räumlich trennte er sich von ihr. Doch die Entmachtung Agrippinas durch Nero ging allmählich von statten. Er veranstaltete ihr zu Ehren als Kaisermutter noch offizielle Ehrungen. Da aber auch der Öffentlichkeit die Spannungen zwischen Mutter und Sohn nicht verheimlicht blieben, wurden Agrippinas Feinde wieder aktiv und versuchten ihren Tod zu erwirken, jedoch ohne Erfolg. Ihre Situation besserte sich wieder etwas, was ein Nebeneinanderleben von Nero und Agrippina bis zum Jahre 59 n. Chr. ermöglichte.

Im März 59 schließlich ermordete Nero seine Mutter. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. Wahrscheinlich gaben seine neue Geliebte Poppea Sabina, die Nero heiraten wollte gegen den Willen Agrippinas, und Seneca den Ausschlag. Als Mittel zum Zweck entschied sich Nero für einen Schiffsunfall. Doch der Plan mißlang und Agrippina konnte sich schwimmend an die Küste retten. Daraufhin entschied sich Nero für einen direkten Mord. Er ließ sie in ihrer Villa töten und anschließend einäschern. Da die Öffentlichkeit eine Erklärung für diesen Mord verlangte, verbreitete er in der Öffentlichkeit ein schlechtes Bild von ihr. Die meisten gaben sich mit dieser Erklärung zufrieden, da Agrippina auch zu Lebzeiten viele Feinde gehabt hatte. Jedoch nicht alle ließen sich durch die amtlichen Erklärungen überzeugen und beschuldigten Nero auch öffentlich zum Schaden seines eigenen Ansehens als Muttermörder. So blieb der schlechte Ruf Agrippinas bestehen, es läßt sich ja auch nicht leugnen, daß sie eine sehr machthungrige, skrupellose Frau war.


Agrippina und Nero

 

Inga Hafemann

07.06.1999