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Anfänge der Philosophie
Inhaltsverzeichnis Vorüberlegung* Der Umfang der Philosophie * Milet Ursprung der europäischen Philosophie * Soziale Grundlagen * Der politische Horizont in der Polis * Wissenschaft und Mythos * Beispiele erster griechischer Philosophen * Thales von Milet * Anaximander * Anaximenes * Literaturverzeichnis *
Zunächst muß festgehalten werden, daß über die Epoche des 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. keine bekannten Quellen vorliegen: kein einziges Werk ist erhalten geblieben und daher müssen alle Informationen über diesen Zeitabschnitt aus jüngeren Quellen entnommen werden, deren Zuverlässigkeit auf Grund der Zeitdifferenz und möglicher "Interpretationen" der Verfasser nicht einwandfrei feststeht.
Die häufig geäußerte Übersetzung als "Liebe zur Weisheit" trifft dabei nicht den ursprünglichen Kern des Wortes. Der Terminus "sophia" war nämlich bewußt weiter gefaßt er implizierte besonders auch das Streben nach Wissen und nach (Er-) Kenntnissen. Zu diesen Kenntnissen zählte aber nicht nur der intellektuelle Bereich sondern auch beispielsweise die Fertigkeiten eines Handwerkers. Im 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert ändert sich vor allem auch das Verständnis von Philosophie. Das technisch verwertbare Wissen wurde nun nicht mehr mit eingeschlossen. Andererseits unterschied sich der damalige Umfang der Philosophie vom heutigen überdies darin, daß die inzwischen eigenständigen Wissenschaften wie Mathematik, Physik, Kosmologie und Astronomie damals noch Bestandteil der Philosophie waren. Der Grund hierfür besteht in erster Linie darin, daß sich diese Disziplinen noch in ihrer Entstehungsphase befanden und somit noch nicht als selbständig angesehen werden konnten. Dabei blieb die Philosophie aber nicht auf praxisferne Gedankenspiele beschränkt. Die Ethik versuchte, den Menschen Ratschläge im täglichen Leben zu vermitteln und ihnen so praktische Hilfe auf dem Weg zum rechten Leben oder auch zum Heil zu geben. Sozial-, Staats- und Rechtsphilosophie können als in dieser Zeit aufblühende Beispiele genannt werden.
Wahrscheinlich ging diese Entwicklung von den griechischen Städten und Niederlassungen in der heutigen Türkei, dem damaligen Ionien aus. Hier hatten die Griechen florierende Handelsstandorte gegründet. Städte wie Ephesos, Pergamon und Milet bildeten dabei vorwiegend auch eine Art Brücke zwischen dem griechischen Mutterland und den Kulturen Asiens, besonders des Nahen Ostens. Möglicherweise hat der Kontakt mit Kunst, Gebräuchen und insbesondere Wissen dieser Kulturen die Griechen verstärkt auch zu eigenen Überlegungen und Arbeiten inspiriert, sicher dagegen hat das Vorhandensein einer alphabetischen Schrift und einer hohen Alphabetisierungsrate innerhalb der Bevölkerung entscheidend zum Aufblühen von Philosophie und Lyrik beigetragen. Wie später noch an den Beispielen einzelner Philosophen gezeigt wird, brachte Milet die ersten uns bekannten Philosophen hervor. Diese beschäftigten sich neben praktisch nutzbarem Wissen (Ingenieurwesen) auch mit der Frage nach Ursachen der Realität und absoluter Wirklichkeit. Ihre Leistungen liegen dabei nicht in ihren teilweise phantastisch anmutenden Theorien, sondern im Aufwerfen neuer Fragen und in "sachlichen", d.h. nicht auf Gottheiten u.ä. zurückgeführten Lösungen.
Den sozialen und ökonomischen Verhältnissen kommt eine entscheidende Bedeutung für die Entstehung die Philosophie zu: Infolge von Arbeitsteilung, neuen Erfindungen und dem Aufblühen des Fernhandels in dieser Zeit, besonders aber auch durch den verstärkten Einsatz von Sklaven war es mindestens der Oberschicht möglich geworden, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht ausschließlich auf das tägliche Überleben ausgelegt waren. Die so gewonnene Freizeit nutzten einige Männer auch dazu, Fragen nach der Entstehung der Erde oder den Grundlagen des Staatswesens zu diskutieren und zu überdenken.
Der politische Horizont in der Polis Die polis ist durch drei grundlegende Eigenschaften gekennzeichnet. Nach der Überwindung des absoluten Monarchie gewinnt das Wort (Rhetorik) eine immense Bedeutung: von nun an muß jeder seine Rechte und Ansichten in öffentlichen Streitgesprächen, Institutionen u.s.w. vertreten und durchsetzen. Zweitens bildet sich eine Öffentlichkeit heraus, zu der jetzt jeder Bürger gehört und in deren Gemeinwesen (Staat, Religion ...) er sich nun einbringen kann. Auch das politische Selbstverständnis wandelt sich in dieser Zeit. Die Bürger einer Stadt verstehen sich nun als eine Einheit aus im abstrakten Sinne gleichen. Diese Entwicklung erst gibt der Philosophie den erforderlichen Nährboden, auf dem sie sich entwickeln kann. Ohne die Ausbildung einer politisch engagierten Öffentlichkeit, die auch unterschiedliche Auffassungen zuläßt, hat die Diskussion u.a. von philosophischen Fragen keinen Sinn. Erst jetzt können Männer die Belange des Staates (polis) selbst umsetzen, aber die Philosophie beschränkt sich nicht nur auf die Staats-, Rechts- und Sozialphilosophie. In diesem geistig anregendem Klima keimen nun auch andere Disziplinen auf. Auch Fragen nach der Entstehung der Welt und wie Erkenntnis überhaupt erst möglich sei, erhalten nun einen erheblich größeren Stellenwert als in einem Staat wie dem mykenischen Königtum, der nicht nur rechtlich und politisch sondern auch religiös seinen Bürgern alles reglementiert und keinen Spielraum für Individualität läßt.
Keineswegs war das griechische Denken vor der Entstehung der Philosophie ausschließlich von mythischen Vorstellungen beherrscht. Feststeht aber auch, daß viele Tatsachen und Naturereignisse als Ergebnis göttlicher oder dämonischer Kräfte begriffen wurden. Auf der einen Seite gab es auch in früherer Zeit schon kausale Erklärungsversuche, wo sie sich wie z.B. beim Fortbewegen eines Schiffes durch Ruderbewegungen anbot, andererseits spielten mythische Deutungen vor allem dort eine Rolle, wo mit dem aktuellen Wissensstand keine befriedigende Begründung gefunden werden konnte. Daher liegt es nahe, Thales von Milet nicht die Erfindung einer neuen (wissenschaftlichen) Denkweise für die Erklärung der jährlichen Nilüberschwemmung zuzuschreiben, sondern die konsequente Anwendung einer wirksamen Erklärungsmethode, die er letztlich zur Geltung brachte. Thales erklärte die Überschwemmungen durch die jährlich auftretenden Passatwinde, die im Nil das Wasser zurückstauen. Obwohl er sich nach heutigem Kenntnisstand geirrt hat, weist seine Theorie nur wissenschaftliche und keine mythischen Elemente auf. Diese sind durch Beobachtungen überprüfbar und lassen, da sie nicht von der Willkür eines Gottes abhängen, Folgerungen zu: Wenn die Passate ausbleiben, dann ... Damit ist ein bedeutender Schritt hin zu wissenschaftlicher Denkweise vollzogen; daher ist nicht der von Thales gemachte Fehler entscheidend, sondern die Zäsur zum früheren Mythos! Die völlige Lösung von mythischen Komponenten erfolgte aber erst später. Anfangs sahen sich die Philosophen u.a. mit dem Problem konfrontiert, daß es praktisch kein Vorwissen und keine ordnenden Strukturen gab. Sie mußten also Arbeitshypothesen wie die Annahme der Welt als ein Ganzes erstellen, um vorgehen zu können. Diese Anschauungen nahmen sie teilweise aus Mythen. In der weiteren Arbeit zeigte sich jedoch schnell die völlige Überwindung des Mythos. Auch wenn manch eine Vorstellung sicherlich aus Mythen stammt, so ist ihre wissenschaftliche Funktion doch davon unabhängig: wenn die Thesen aus einem Mythos stammen wie die Annahme von Anaxagoras, daß alle Bewegungen auf einem göttlichem Prinzip beruhen, so ist dennoch der Gedanke von der Notwendigkeit dieses Grundsatzes für deren Deutung kaum anzweifelbar, auch wenn es einer Gottheit zugeschrieben wird.
Beispiele erster griechischer Philosophen Homer und Hesiod (beide 8. Jahrhundert v. Chr.) waren keine Philosophen; ihre Werken spiegeln in erster Linie die mythische Welt vor der eigentlichen Entstehung der Philosophie wieder.
Thales wurde um 625 v. Chr. geboren und war Bürger von Milet. Bei ihm tritt vor allem das Problem auf, daß nicht nur keine Schriften überliefert sind, sondern daß er wahrscheinlich auch keine verfaßt hat. Man schreibt ihm aber in erster Linie Kenntnisse im Bereich der Mathematik, Nautik und Ingenieurwesen zu. Hervorzuheben ist sicherlich seine Voraussage der Sonnenfinsternis vom 5. Mai 585; obwohl er noch keine Möglichkeit besaß, diese zu berechnen, konnte er doch die Wahrscheinlichkeit prognostizieren. Ferner wird angenommen, daß Thales eine Reihe von neuen Erkenntnissen in der Mathematik gewann, wie die Berechnung der Pyramidenhöhe (Aufenthalt in Ägypten) und der nach ihm benannte Thaleskreis... Außerdem soll er sich in der Politik seiner Heimatstadt Milet engagiert haben. Er empfahl z.B. den Ioniern Kleinasiens, sich gegen den lydischen König Kroisos (560-547) zusammenzuschließen. Er versuchte auch, die Entstehung der Welt zu ergründen, dabei gelangte er zu der Einsicht, daß alles aus einem Urstoff, nämlich Wasser entstanden sei.
Wie Thales stammte auch Anaximander aus Milet, war etwa eine Generation jünger als dieser, die näheren Lebensumstände liegen aber ansonsten völlig im Dunkeln lediglich die Gründung der Kolonie Apollonia am Schwarzen Meer wird ihm zugeschrieben. Auch er hat sich mit für die Schiffahrt verwertbaren Wissen gewidmet: Anaximander ist nicht nur der erste uns bekannte Kartograph, sondern ging noch einen Schritt weiter und konstruierte ein neues Weltbild. Die unbefriedigende, weil unbegründete Annahme von Thales, da? Wasser den Ursprung aller anderen Stoffe bilde, korrigierte er dahingehend, indem er diesen Substanz als unbestimmt beurteilte. Dieses "aperion" trägt dabei unübersehbar Kennzeichen des göttlichen Prinzips - ein Beispiel für den fließenden Übergang von Philosophie und Mythos.
Sowie Anaximander ein Schüler von Thales war, kann man annehmen, daß Anaximenes ein Schüler des Anaximander war, was etwa auch zwischen diese beiden einen Altersunterschied von 20 30 Jahren legt. Anaximenes versuchte vor allem den Übergang des Ursprungsstoffes, als den er die Luft ansah, in alle weiteren Stoffe zu charakterisieren. Dies geschieht seiner Meinung nach durch Verdichtung/Verdünnung der Luft. Seine Erklärungsmodelle bilden einen Meilenstein in der Entwicklung der Naturwissenschaften, da seine Gründe quantitativer Natur, d.h. vor allem meßbar sind.
Andreas Reißmann 28.12.1999
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