Das Carmen Saeculare
Propagandamittel für
Augustus
Das Jahrhundertlied, das Carmen Säkulare, sollte, ebenso wie die Säkularfeierlichkeiten selbst, Augustus als Propaganda dienen. Wahrscheinlich waren Horaz viele Elemente vorgegeben, er war in seiner Arbeit keineswegs völlig frei.
So wird zum Beispiel in der fünften Strophe auf die gerade verabschiedeten Ehegesetze angespielt und der Segen der Götter über sie herabgefleht:
Göttin, lass es nicht an nachwachsender Jugend fehlen und gib
Gedeihen
zu den Schlüssen des Senates über Beförderung der
Heiraten
und über jenes Ehegesetz, die reiche Quelle
neuer Nachkommen,
[...]
Auch die Gliederung der einzelnen Strophen und ihrer Thematik sind ganz darauf ausgerichtet, Augustus im besten Licht erscheinen zu lassen. Dabei wird wie immer die dreiteilige Ordnung eingehalten, unter der das Carmen geschrieben ist:
In der ersten Triade des zweiten Liedteils, in den Strophen 10 12 wird Aeneas thematisiert, in den Strophen 13 15 Augustus, in den Strophen 16 18 Apollo und Diana.
Die Assoziation, die der Dichter entstehen lassen will, ist eindeutig: In seiner vor kurzem veröffentlichten Aeneis gelangte Aeneas nach langer Irrfahrt nach Italien und sein Nachkomme Romulus gründete Rom. Die Götter sollen nun den Nachkommen dieses Abenteurers ebenfalls Segen schenken.
Auch Augustus stammt aus dieser Linie, die in Anchises, Aeneas Vater, und der Göttin Venus ihren Ursprung hat. Auch Aeneas Sohn Julus, auf den sich die Julier zurückführen, dient als Anspielung auf Augustus göttliche Abstammung. Durch die Adoption durch Gaius Julius Caesar gehört er dieser Familie an.
Der im Krieg so siegreiche Kaiser möge erreichen, was er erfleht.
Und was erbittet, der euch mit Opfern von weißen Rindern
verehrt,
der ruhmvolle Abkömmling des Anchises und der Venus,
erlange er, siegend über den streitbaren,
gelind gegen den überwundenen Feind.
Wo Augustus sich mit Äußerungen zurückhalten muss, da er auf Tradition und Empfindlichkeit des römischen Volkes Rücksicht nehmen muss, kann Horaz aus dem Vollen schöpfen, er kann den Kaiser ohne jede Zurückhaltung verherrlichen.
Er wollte nicht die Götter hervorstellen, sonder die Herrlichkeit des Princeps sollte Thema seines Liedes sein.
Horaz war also, wie schon erwähnt, durch Vorgaben und Zielsetzung in seiner dichterischen Freiheit eingeschränkt. Deshalb hat er im Freundeskreis das echte Säkularlied vorgetragen, das er so geschrieben hatte, wie er sich ein Carmen Säkulare ohne Einschränkungen vorstellt. Mit Rücksicht auf Augustus veröffentlichte er es aber erst später in einem seiner Bücher.
Marleen Pöhler 01.07.2000