Epikur

Inhalt:

 

  1. Biographie
  2. Der Epikureismus

 

1.) Epikur wurde 341 v. Chr. auf Samos geboren, wohin sein Vater Neokles und seine Mutter Chairestrate 352 v. Chr. als athenische Siedler ausgewandert waren. Mit 14 Jahren las Epikur in der Schule die Theogonie Hesiods, und da dort alle Dinge aus der "gähnenden Leere", dem Chaos, abgeleitet wurden, fragte er, woher denn das Chaos stamme. Als seine Lehrer ihm keine hinreichende Antwort geben konnten, wandte er sich von dieser Stunde an der Philosophie zu. Er lernte zunächst beim Platoniker Pamphilos, wechselte dann aber bald ins kleinasiatische Teos zu Nausiphanes über, einem Anhänger Demokrits, der ihn in die Atomlehre, Ethik und Logik einführte. Mit 18 Jahren trat Epikur seinen zweijährigen Militärdienst in Athen an, wo er wohl die Gelegenheit nutzte, sich mit den Hauptströmungen der zeitgenössischen Philosophie vertraut zu machen.

322 v. Chr. kehrte er dann zu seinen Eltern zurück, die inzwischen nach Kolophon (in Kleinasien) emigriert waren, weil Athen Samos abtreten mußte. In der folgenden Dekade vertiefte Epikur seine philosophischen Kenntnisse und schuf die Grundlagen für das eigene System.

Als Dozent trat Epikur 310 zuerst in Mytilene auf Lesbos, dann in Lampsakos am Hellespont auf, und zwar wie es scheint, mit bestem Erfolg. Denn er gewann dort viele namhafte Persönlichkeiten als Schüler, mit denen er bis zu seinem Lebensende in persönlichem Kontakt blieb.

306 v. Chr. begab sich Epikur nach Athen, wo er für sich und seine rund 200 "Anhänger" ein Haus und einen Garten (kepos) kaufte, nach dem die Schule ihren Namen erhielt. Dort lehrte und lebte er bis zu seinem Tod (um 270 v.Chr.).

2.) Die hellenistischen Philosophen pflegen die Philosophie in Logik, die bei Epikur Kanonik (Erkenntnislehre) heißt, Physik und Ethik einzuteilen. Doch stehen diese drei Bereiche nicht gleichberechtigt nebeneinander, sondern Logik und Physik werden entsprechend den Bedürfnissen der Zeit der Ethik untergeordnet. Für Epikur stellt die Kanonik ein Vehikel der Physik dar, in dem sie die geeignete Methodologie für sie liefert, und die Physik tritt ganz in den Dienst der Ethik, indem sie den Menschen von seinen Grundängsten befreit.

 Kanonik:

In Epikurs Kanonik werden drei Kriterien genannt, mit deren Hilfe man zur wahren Erkenntnis gelangt: die Sinneswahrnehmung (aisthesis), den aus wiederholten Wahrnehmungen desselben Objekts erworbenen Allgemeinbegriff (prolepsis) und das Gefühl (pathos), d.h. Lust und Schmerz als Maßstab dessen, was zu wählen und zu meiden ist. Die Basis aller Erkenntnis ist also die sinnliche Wahrnehmung (Sensualismus), die durch Zustrom feiner Bilder (aus Atomen zusammengesetzt) entsteht.

Ein Beispiel:   vorausgehender Allgemeinbegriff = Baum                                                                         evidentes Wahrnehmungsurteil = Eiche

Wenn aber mehrere Vermutungen für einen Sachverhalt vorliegen, gilt es diejenige vorzuziehen, die am ehesten zur Erreichung des sittlichen Ideals förderlich ist. Schließlich spielt die Vernunft auch eine Rolle. Sie soll entscheiden, wie die Dinge an sich selbst beschaffen sind.

Physik:

Die Physik übernahm Epikur von Demokrit, allerdings in manch wichtigen Einzelheiten modifizierend wie z.B. in der Atombewegung. Nach Epikur verläuft die Urbewegung der Atome nicht mehr in jede Richtung, sondern wird durch die Schwere der Atome bestimmt: Die Atome fallen wie Regentropfen senkrecht nach unten, und zwar alle mit gleicher Geschwindigkeit, da der luftleere Raum keinen Widerstand leistet.

Erst durch die Abweichung (parenklisis) einzelner Atome um ein Minimum von den geraden Fallinien kommt es zu den Atomkollisionen und zur Bildung komplexer Körper. Die Abweichung selbst ist akausal. Auf diese Weise unterbricht Epikur den strengen Determinismus Demokrits im Weltgeschehen und schafft zugleich die physikalische Voraussetzung zur Selbstbestimmung des Menschen. Denn durch die Abweichung vermag der menschliche Wille auf die in der Brust lokalisierten Geistatome Einfluß zu nehmen, indem er sie zu Bewegungen veranlaßt, denen die Atome von sich aus nicht folgen würden. Somit ist den Menschen ein gewisser Entscheidungsspielraum gegeben.

Da nach Epikur alle Dinge aus Atomen bestehen, braucht der Mensch keine Angst vor dem Tod zu haben, da die Seele materiell und sterblich ist. Sie entsteht und zerfällt zugleich mit dem Leib. Somit ist jegliche Angst vor einem Jenseits unbegründet, da es nach Epikur keine Unsterblichkeit gibt.

Ebensowenig muß der Mensch göttliche Strafen fürchten, da sich die Götter in keiner Weise um das irdische Geschehen kümmern. Es gibt keine Vorherbestimmung; Opfer und Gebet sind sinnlos. Die Götter leben nämlich in kosmoslosen Räumen zwischen den Welten (Intermundien), wo sie ein unvergängliches und vollkommen glückseliges Leben führen. "Glückselig" bedeutet, von Geschäften und Sorgen, aber auch von Leidenschaften frei zu sein, kurz: äußere und innere Ruhe zu haben. Mit diesen Eigenschaften verkörpern die Götter das Ideal eines ungetrübten Glücks und dienen dem epikureischen Weisen als Vorbild, der ihnen nicht aus Furcht, sondern aus Bewunderung höchste Verehrung zollt.

Epikur wollte den Menschen die Angst vor dem Zorn und Neid der Götter nehmen, ohne sich dem Vorwurf des Atheismus auszusetzen.

Ethik:

Epikurs Lehre stellt privates, individuelles Fühlen und Begehren in den Mittelpunkt des Lebens.

Lust und Schmerz zeigen an, was der menschlichen Natur eigentümlich bzw. fremd ist. Damit wird die Sinnlichkeit zum Kriterium für das Gute und das Übel. Sind Lust und Schmerz die einzigen absoluten Werte, dann ist die Lust das höchste Gut, der Schmerz das größte Übel.

Als "summum bonum" muß die Lust zugleich das sein, was die Glückseligkeit des Menschen ausmacht: Freisein von Schmerzen im Körper (aponia) und von Furcht in der Seele (ataraxia). Diese Lust bezeichnet Epikur als katastematische (zuständliche) Lust –eine Lust, die wir schon durch bloße Aufhebung der Unlust erreichen. Darüber hinaus ist keine Steigerung möglich. Alles, was der Körper will, ist: "Nicht frieren, nicht hungern, nicht dürsten."

Alles, was die Seele will, ist: "Nicht traurig sein, nicht Angst haben."

Nur durch die zuständliche Lust kann der wahre Seelenfriede erreicht werden, der für den Epikureer das Wichtigste ist!

Was es noch geben kann, ist lediglich Variation und Raffinement und wird im Unterschied zur katastematischen Lust der Schmerzfreiheit kinetische (=Bewegungs-) Lust genannt. Gemeint sind die Sinnenlüste, die jedoch keinen Schmerz wirklichen Mangels beseitigen, sondern gelegentlich sogar selbst Schmerzen hervorrufen. Deshalb darf man nicht jede Lust verfolgen und nicht jeden Schmerz fliehen, sondern hat bei allem Wählen und Meiden stets die Folgen zu berücksichtigen und die Eudaimonie (Lust) als einen Dauerzustand im Blick zu behalten, für den es gilt, unter Umständen auch eine momentane Unlust (gegenüber einem späteren Lustgewinn) in Kauf zu nehmen. Auf große Lust kann nämlich Unlust folgen.

Beispiel: Ungehemmte Gier im Essen und Trinken bereitet im Augenblick zwar Genuß, hinterher ruiniert sie aber die Gesundheit.

Alternative: Man enthält sich eines üppigen Mahls und treibt um der Gesundheit willen Sport.

Somit wird deutlich, daß die vernünftige Einsicht eine ganz entscheidende Rolle spielt, um das moralische Ideal Epikurs zu erreichen.

Zitat: " Darum ist auch die Einsicht kostbarer als die Philosophie. Aus ihr entspringen alle übrigen Tugenden und sie lehrt, daß es nicht möglich ist, lustvoll zu leben ohne verständig, schön und gerecht zu leben, noch auch verständig, schön und gut, ohne lustvoll zu leben. Denn die Tugenden sind von Natur ver- bunden mit dem lustvollen Leben und das lustvolle Leben ist von ihnen untrennbar."

Somit ist nach Epikur der Weise der vollkommen Glückliche, weil er über sein Glück selbst gebietet und von den äußeren Zufälligkeiten unabhängig ist.

Der Philosoph empfiehlt außerdem die Genügsamkeit (autarkeia) nicht als Selbstzweck, sondern um uns von äußeren Faktoren unabhängig zu machen. Körperliche Schmerzen sind niemals so furchtbar, daß sie die Eudaimonie zu erschüttern vermögen. Denn die Schwere des Schmerzes steht in einem entgegengesetzten Verhältnis zu seiner Dauer.

-Heftiger Schmerz ist kurz!

-Langandauernder Schmerz ist nicht heftig!

Der Geist erreicht das Ziel der ataraxia, wenn er sich durch philosophische Einsicht von den nichtigen Bedürfnissen und durch das Studium der Natur von der Furcht vor dem Tode und den Göttern befreit hat. Im Besitz solcher Güter lebt der Epikureer "wie ein Gott unter den Menschen".

Die Maxime Epikurs lautet: "Lebe im Verborgenen!"

Damit ist gemeint, daß man sich ins Privatleben zurückziehen und ein möglichst unauffälliges Leben nach außen führen soll. Die Akzeptanz des Staates ist zwar vorhanden, aber es ist besser, sich nicht politisch zu engagieren. Denn der Weise überwindet die Welt, indem er ihr entsagt, nicht um sich einer jenseitigen Welt zuzuwenden, sondern um jene Freuden klug zu genießen, die das Leben bietet. Der Rückzug ins Privatleben zog keinesfalls die Konsequenz des Einsiedlertums nach sich, da die Freundschaft als Wert anerkannt blieb. Denn der epikureische Weise sucht sein Glück in der Gemeinschaft von Freunden.

Zum eigentlichen Ort der epikureischen Lebensführung wird die Freundschaft in kleinen Zirkeln Gleichgesinnter, wo auch Frauen und Sklaven als gleichberechtigte Mitglieder Aufnahme fanden.

Johanna Specht

12.01.00