Geburt
| Abb. 1: Geburt mit Hilfe eines Gebärstuhls. Grabrelief der Hebamme Scribonia Attice aus Ostia | Bei einer Geburt waren meistens
nur Frauen im Zimmer, darunter eine Hebamme (obstetrix). War ein Arzt
anwesend, stand er nur in der zweiten Reihe hinter der Hebamme. Häufig
kam es aber auch vor, daß die Mutter allein im Zimmer war. Sie gebar
entweder ausgestreckt auf einer Liege oder im Gebärstuhl. Während
der Geburt wurden Gottheiten angerufen. 58 Gottheiten sind hierfür bekannt,
darunter Carmentis, Iuno und Lucina.
Nachdem der Säugling aus dem Mutterleib entnommen war (effusio), wurde seine Lebensfähigkeit geprüft und die Nabelschnur abgetrennt. Dies nannte man levare (das "Hochheben" des Kindes vom Boden), und es wurde von der Hebamme gemacht. Anschließend wurde der Säugling von ihr gebadet, gewickelt und in die Wiege gelegt. Erst danach sah der Vater das Kind. |
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| Daß er es vom Boden aufhob und
als rechtmäßiges Kind juristisch anerkannte, ist eine Legende.
Der Vater erkannt das Kind nach außen hin sozial an, wenn er es auf
den Arm hob. Dieses tollere oder suscipere war eine moralische
Geste. Zur Feier der Geburt hängte der Vater Kränze an die
Haustür und veröffentlichte in der Zeitung den "Beweis seiner
Mannbarkeit".
Mindestens in Rom und Ägypten mußten nach Augustus die Kinder amtlich gemeldet werden. Der Vater hatte dazu 30 Tage Zeit. Das Original der Urkunde blieb im Archiv, die Kopie bekamen die Eltern mit. Diese Urkunde diente auch zum Nachweis des römischen Bürgerrechts. Nach dem dritten Kind gab es in Rom, nach dem vierten außerhalb Roms und ab dem fünften in den Provinzen eine Belohnung. Kurz nach der Geburt bekamen das Kind eine Kapsel mit einem Amulett (bulla) umgehängt. Die Knaben behielten es um bis zum Eintritt in das Mannesalter (Anlegen der toga virilis mit 15-17 Jahren) und die Mädchen wahrscheinlich bis zur Hochzeit. Bei Mädchen war der Tag der Namensgebung (dies lustricus, "Tag der rituellen Waschung") |
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Abb. 2: Knabe mit bulla
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acht Tage nach der Geburt, bei Jungen
neun. Warum das bei Jungen und Mädchen verschieden war, ist ungeklärt.
Der Zeitraum wird damit erklärt, daß am siebten Tag meistens der
Rest der Nabelschnur abfällt. An dem auch nominalia ("Namenstag")
genannten Fest kamen Verwandte und Freunde und brachten Geschenke wie Spielzeug
und Amulette mit.
Es gab aber auch die Möglichkeit der Abtreibung. Sie war kein Verbrechen, da aus strafrechtlicher Sicht der Fötus (nasciturus) nicht als Mensch galt. Deshalb wurden im Altertum die Grenzen zwischen Abtreibung und Empfängnisverhütung als fließend angesehen. Dies wird auch damit begründet, daß es nicht genug Kenntnisse gab (antike Ärzte hielten die Frau nach der Menstruation fälschlicherweise für besonders fruchtbar). Erst 200 n. Chr. wurde in einem Reskript festgelegt, daß eine Frau, die gegen den Willen ihres Mannes abgetrieben hatte, auf Zeit verbannt wurde, da sie ihm sein Eherecht auf das Gebären legitimer Nachkommen verwehrt hatte. Härter wurden die Beihelfer bestraft. "Giftmischer(innen)" und "Engelmacher(innen)" mußten zwangsweise in Bergwerken arbeiten oder wurden verbannt, wenn ihre Beihilfe zum Tode der Frau führte. Häufig wurden zur Abtreibung starke Abführ- und Brechmittel oder andere Mittel eingenommen. |
Als "mechanische" Mittel wurden heftige Bewegungen und das Heben schwerer
Lasten angesehen. Wenige Frauen trieben ohne Hilfe ab, die meisten suchten
Personen ihres Vertrauens oder einschlägig erfahrene Helfer. Dabei
mußten sie nicht an Kurpfuscher geraten, da der hippokratische Eid
("auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben") nur moralisch
war. So gab es auch verantwortungsbewußte Ärzte, die unter bestimmten
Bedingungen bereit waren, eine Abtreibung selbst vorzunehmen. Gründe
gab es verschiedene. In der Literatur wurden häufig nur die folgenden
Gegengründe genannt: Gefahr für den Fortbestand der Menschheit
und Gefahr für die Gesundheit und das Leben der Frau. Denn die Männer
sahen häufig nur die weibliche Eitelkeit als Grund für eine Abtreibung.
Dies liegt wohl daran, daß die Entrüstung sich
größtenteils gegen die Frauen der Oberschicht wandte, die eine
Abtreibung häufig aus egoistischen Gründen vornahmen. Es gab aber
auch individuelle oder soziale Notlagen, die eine Frau dazu brachten.
Dörte Feichtenschlager
22.04. 1999