Livia Drusilla Iulia Augusta
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Die erste Kaiserin Roms
Livia Drusilla wurde im Jahre 58 v. Chr. geboren. Sie ist die Tochter des Marcus Livius Drusus Claudianus . Ihr Vater wurde vor seiner Adoption Appius Claudius Pulcher genannt. Beide Geschlechter sowohl die Claudii als auch die Livii zählten zu den bedeutendsten und angesehensten Geschlechtern Roms. Er war ein begüteter Römer und durfte sich der Freundschaft Caesars erfreuen, der ihn mit heiklen und lukrativen Aufgaben getraute. 59 v. Chr. wurde er als Gesandter nach Alexandria geschickt, um Geld einzutreiben. Im Jahre 54 von Lucretius und Gaius Licinius Calvus der Begünstigung des Prozeßgegners angeklagt, wurde er durch die Verteidigung Ciceros freigesprochen. Vier Jahre später wurde er Praetor. 43 v. Chr. war er maßgeblich am Senatsbeschluß beteiligt, der Decimus Brutus zum Befehlshaber zweier Legionen machen sollte. Obwohl ursprünglich von Caesar gefördert, wurde er auf Antrag der Triumviri als Anhänger der Senatspartei auf die Proskriptionsliste gesetzt, flüchtete in den Osten und beging nach der Niederlage von Philippi Selbstmord.
Ihren glänzenden Aufstieg erlangte sie durch die politischen
Mißstände des ersten vorchristlichen Jahrhunderts. Als
Livia zur Welt kam, lag der Tod von Lucius Cornelius Sulla,
einem römischen Politiker, der während des Bürgerkrieges von
88 bis 86 v. Chr. die aristokratische Partei führte, gerade zwanzig
Jahre zurück, seit zwei Jahren bestand ein Bündnis zwischen
Caesar, Pompeius und Crassus. Wenige Jahre später wurde
Livia selbst Opfer der Machtkämpfe: nachdem ihr Vater Selbstmord begangen
hatte, floh sie mit ihrem ersten Gatten, einem eifrigen Mitstreiter von Mark
Anton, vor Oktavian und seinen Soldaten. Mark Antons
eigentlicher Name war Marcus Antonius (ca. 82 bis 30 v.Chr.). Er war
ein römischer Staatsmann und Feldherr, der die Mörder von Gaius
Julius Caesar besiegte und mit Octavian (dem späteren Kaiser
Augustus) und Marcus Aemilius Lepidus das 2. Triumvirat bildete.
Oktavian (63 v. Chr. bis 14 n. Chr.) war als Gaius Octavius Augustus
der erste römische Kaiser (27 v. Chr. bis 14 n. Chr.), der nach
langem Bürgerkrieg den Frieden im Römischen Reich wiederherstellte
(Pax Augusta = Augusteischer Frieden). Trotz seines blutigen Vorgehens gegen
seine Gegner ging die Zeit seiner Herrschaft (Augusteisches Zeitalter) als
eine Epoche des Friedens, des Wohlstandes und der kulturellen Blüte
in die Geschichte ein. Augustus wurde als Gaius Octavius am
23. September 63 v.Chr. in Rom geboren und war ein Großneffe Julius
Caesars. 39 v. Chr. hatten sich Mark Anton und Octavian
ausgesöhnt, Livia konnte zurückkehren nach Rom, und es kam
zu einer entscheidenden Wende in ihrem Leben. In kürzester Zeit heiratete
sie Octavian, den früheren Feind, und war an seiner Seite zur
ersten Frau im Staate gewachsen. Den Höhepunkt ihrer sozialen Laufbahn
feierte sie in dem Moment, als der erste Princeps starb. Durch testamentarische
Verfügung erhielt sie den Titel "Iulia Augusta". Das Werden zur
Augusta war ein langwieriger Prozeß. Livia trug das Cognomen
(den Beinamen) Drusilla bis zu ihrer Heirat mit Octavian.
Livia als Gattin des Nero
Im Alter von fünfzehn Jahren heiratete Livia den um einiges
älteren Tiberius Claudius Nero. Er war ebenfalls Nachkomme des
Appius Claudius Caecus und führte seine Linie auf einen Bruder
des P. Claudius Pulcher zurück. Die Ehepartner für die Kinder
aus der oberen Gesellschaftsklasse wurden meistens von den Eltern
ausgewählt und mußte nicht aus Liebe geschehen. Die Wahl wurde
nicht selten aufgrund politischer oder wirtschaftlicher Kriterien getroffen.
Neros politischer Aufstieg begann im Bürgerkrieg zwischen
Caesar und Pompeius. 48 v. Chr. erlangte er die Quaestor, im
darauffolgenden Jahr befehligte er als Proquaestor die Flotte im Alexandrinischen
Krieg, an dessen Entscheidung er nicht unwesentlich beteiligt war. Sein Einsatz
wurde im Jahre 46 v. Chr. mit der Berufung zum Pontifex vergolten. 46 v.
Chr. begab er sich außerdem für zwei Jahre nach Gallien, mit der
Anlegung von Kolonien betraut. Obwohl Nero seine glänzende Karriere
Caesar verdankt hatte, trat er nach dessen Ermordung sogar für
eine Belohnung der "Tyrannenmörder" ein. Neros Ämterlaufbahn
erreichte seinen Höhepunkt im Jahre 42 v. Chr. mit der Praetur. Inzwischen
brach zwischen den Triumvirn Mark Anton, Lepidus und Octavian,
die sich Ende des Jahres 43 v. Chr. zu einem Dreibund zusammengeschlossen
hatten, Streit aus. Mit Mark Antons Bruder, dem Konsul Lucius Antonius,
zusammen begab sich Nero zunächst nach Perusia, entfachte dann
aber, noch ehe der Kampf um Perusia erloschen war, einen neuen Krieg in
Kampanien. Aus dem Kampfgenossen Caesars war somit innerhalb weniger
Jahre zuerst dessen Gegner und schließlich ein Gefolgsmann Mark Antons
geworden. Politischer Aufstieg galt Nero offenbar mehr als
Prinzipientreue. Perusia kapitulierte im Februar 40 v. Chr., in Kampanien
war wieder Ruhe eingetreten. Nach der Niederlage und dem Fall ihrer Festung
ergab sich ein Großteil der Anhänger Mark Antons Octavian,
nur wenige entschlossen sich zur Flucht, Tiberius Claudius Nero zählte
zu den letzteren. Er floh mit Livia und ihrem einjährigen Sohn
nach Sizilien, das im Machtbereich von Sextus Pompeius lag. Dieser
zeigte sich vom Eintreffen Neros nicht sonderlich beeindruckt und
verbot ihm über das Weiterführen seiner bereits abgelaufenen
prätorischen Amtsgewalt. Dies hieß für Nero, daß
er weiter nach Griechenland zu Mark Anton fliehen mußte. Mittlerweile
waren einander die Gegner auf politischer Ebene wieder ein Schritt näher
gekommen. Dank der Vermittlungsversuche von Maecenas und anderen Freunden
schlossen Octavian und Mark Anton im Herbst des Jahres 40 v. Chr.
den Vertrag von Brindisi. Im Sommer des folgenden Jahres kam auch mit Sextus
Pompeius ein Ausgleich zustande, der in Misenum besiegelt wurde.
Carcopino, dessen Ausführungen breite Zustimmung fanden, datiert
den Vertrag von Misenum / Puteoli in die zweite Hälfte des Jahres 39
v. Chr., frühestens Juli dieses Jahres. Erst diese Aussöhnung
nicht schon der Vertrag von Brundisium ermöglichte Tiberius
Claudius Nero samt Gattin und Kind die Rückkehr nach Rom.
Livias Scheidung und Wiedervermählung mit Octavian
Livia rückte in den Brennpunkt aller Interessen, als die sich innerhalb
weniger Monate von dem geächteten Republikaner und Gefolgsmannes Mark
Antons Tiberius Claudius Nero abwandte und die Gemahlin von dessen Gegner
Octavian wurde, der sich in einigen Jahren die alleinige
Führung des Staates erkämpfte. Die Begegnung mit Octavian fand
am 23. September 39 v. Chr. statt. Livia war eben erst aus dem Zufluchtsort
Griechenland heimgekehrt, als sie den fünf Jahre älteren Octavian
kennenlernte. Octavian nahm kurz nach ihrer Begegnung die Geliebte in sein
Haus auf, ohne die geringste Rücksicht auf familiäre oder soziale
Verpflichtungen zu nehmen. Livia verließ auf der Stelle, obgleich sie
mit ihrem zweiten Kind schwanger war, ihren Gatten. Auch Ocavian war verheiratet
und auch seine Frau, die er erst vor einem Jahr als Braut heimgeführt
hatte, erwartete ein Kind. Doch am selben Tag, an dem sie Octavian eine Tochter
gebar, ließ sich dieser von ihr scheiden. Seine Begegnung mit Livia
hatte er geplant, um die republikanische Elite zu binden, solange die Freude
über den errungenen Frieden noch währte und ehe die nächste
Konfrontation bevorstand. Livia entstammte nämlich dem claudischen
Geschlecht, einer der stolzesten und ehrwürdigsten alteingesessenen
patrizischen Familien, die Rom besaß. Dies sicherte ihr die Achtung
jener Römer, die der republikanischen Gesinnung treu geblieben waren.
Die weitreichenden Verflechtungen und das hohe Ansehen des, wenn auch sehr
kleinen, Geschlechts Livia machen deutlich, weshalb Octavians Wahl auf Livia
Drusilla fiel. Die Heirat bedeutete für Octavian u.a. einen
gesellschaftlichen Aufstieg. Doch sollte nicht unberücksichtigt bleiben,
daß Livia mehr war als nur das Sprungbrett, um so rasch wie möglich
in die alte Aristokratie aufzusteigen. Sie öffnete Octavian die Tür
zu den republikanischen Häusern. Gerade aber dieser Faktor war es, der
39 v.Chr. zur Eile gebot. Das Bestreben, die durch die
Bündnisverträge nach allen Seiten erreichte Neutralisierung der
politischen Kräfte zu nützen und die Republikaner ins eigene Lager
zu ziehen, noch bevor sie sich wieder um eine Führer scharen oder bei
einem Wiederaufnehmen der Kämpfe abermals auf die Seite des Feindes
rücken konnten, erklärt die überstürzten
Heiratsvorbereitungen. Ein Ehebund mit Octavian stand ebenso in Livias Interesse.
Die Ausgangsposition für Mark Anton und die Anhänger einer Republik
sah bei weitem nicht mehr so günstig aus, wie unmittelbar nach dem Tod
Caesars. Daß der Kampf der beiden machthungrigen Staatsmänner
fortdauern würde, mußte jedem klar sein, so auch Livia. Sie war
eine Frau von hohem Verstand und politischem Feingefühl. Nichts hielt
sie davon ab, dem Liebeswerben des Octavians nachzugeben, zumal dieser Mann
mit seinen Wesenszügen, seiner Denkart und Handlungsweise einen
äußerst sympathischen Eindruck bei Livia erweckt haben muß.
Der junge Octavian war im Vergleich zu Nero zweifellos die bessere Partie.
Der verlassene Gatte schließlich konnte als von Octavian Begnadigter
kaum etwas gegen die geplante Ehe einwenden. Drusus, ihr zweiter Sohn von
Nero, kam drei Tage vor der datierten Vermählung zur Welt (38 v. Chr.).
Octavian übergab den Knaben sofort nach seiner Geburt dem leiblichen
Vater. Als allerdings wenige Jahre später, 33 v. Chr., Nero starb, kehrten
Drusus und sein älterer Bruder zu ihrer Mutter zurück. Nero selbst
hatte Octavian zum Vormund für seine Kinder bestimmt. Ein gemeinsames
Kind blieb Livia jedoch nach einer Fehlgeburt versagt. Der Tag ihrer
Hochzeitsfeier diente der Friedensschließung zwischen den Caesarianern
und den Republikanern.
Livias Stellenwert und politischer Einfluß
Octavian stattete seine Frau Livia mit Sonderrechten aus. Dazu gehörten das Recht, die eigenen Angelegenheiten ohne Vormund regeln zu dürfen, die "sacrosanctitas" und die Tatsache, daß Octavian seiner Gemahlin Statuen aufstellen ließ. Das Vorrecht, ohne Vormund selbst Entscheidungen treffen zu können, stellt eine Erweiterung jener Rechtsbestimmungen dar, die eine Frau auch nach ihrer Heirat bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr unter der "potestas" ihres Mannes beließ, und sie danach einem "tutor" unterstellte, unter dessen Aufsicht sie über ihren eigenen Besitz frei verfügen durfte. In der Kaiserzeit wurde es generell üblich, daß nur die Mitgift in das Vermögen des Mannes überging, während die Frau das Eigentumsrecht an ihrem eingebrachten Vermögen besaß. Octavian erstellte diese Sonderregelungen eigentlich wegen seiner Schwester Octavia. Sie befand sich in der Gewalt Mark Antons, was Octavians Interessen klar zuwiderlaufen mußte. Um diesen mißlichen Zustand zu beseitigen, ließ sich Octavian eine gesetzliche Bestimmung einfallen, die er auch auf seine eigene Gattin ausdehnte. Octavian war durch die "tribunicia potestas" geschützt, Livia aber wäre nicht vor Angriffen gefeit gewesen, wenn ihr nicht Octavian dieselbe Unverletzlichkeit verschafft hätte. Da Livia ihre Unverletzlichkeit auch noch zu späterer Zeit genoß, ist es nicht unwahrscheinlich, daß auch ihr dieses Recht auf ewig per Gesetz zuerkannt wurde. Octavian beabsichtigte damit nicht, seine Frau mit politischer Macht auszustatten, sondern um ihre Rechtslage zu verbessern oder ihre Ehre zu untermalen. Livia verfügte über keine Rechte, die sie entscheidend über die gewöhnliche Römerin emporhoben. Als Augustus holte sich Octavian aber politische Ratschläge von seiner Gattin, da sie einen scharfen Verstand, Zielstrebigkeit und Willensstärke besaß. Sie hatte somit indirekten Einfluß auf die Politik. Sie gab sich an den Angelegenheiten ihres Mannes außerordentlich interessiert und setzte ihre Klugheit so ein, daß sie dabei nicht aufdringlich erschien. Livia war mehr als eine vertraute Beraterin des Princeps in seinen Privatgemächern. Sie repräsentierte neben ihm, nahm durchaus selbständig gesellschaftliche Aufgaben wahr. So spielte Livia gelegentlich, wenn Gatte oder Sohn anläßlich eines Triumphes ein Festmahl für Senatoren und Volk gaben, die Gastgeberin für die Ehefrauen. Sogar auf Reisen war Livia die treueste Genossin ihres Gatten.
Das Volk lernte Livia als strenge Hüterin ihres Heimes, als tüchtige Hausfrau, vorbildliche Mutter und treu ergebene Gattin kennen, die Bescheidenheit und Fleiß als die größten Tugenden achtete. Sie war stets einfach gekleidet, legte auf einen biederen, anständigen Lebenswandel wert und verzichtete auf allen Luxus. Ihr Auftreten in der Öffentlichkeit vollzog sich stets in ehrenvollem Rahmen und unter entsprechend würdiger Begleitung. Das unterschied sie von den meisten ihrer Zeitgenossinnen. Ihre Art, sich zu kleiden, und ihr Lebensstil fügten sich hingegen vorzüglich in die von ihrem Gatten angestrebte Erneuerung der Sitten und öffentlichen Moral. Den Senatoren, deren Ehefrauen und Söhne ein weit ausschweifenderes und zuchtloseres Leben führten, machte Augustus deswegen nicht selten Vorhaltungen. Die Einrichtung der Wohnung war einfach, der Hausrat diente zum Gebrauch und nicht als Zier. Selbst das Bett war niedrig und nur schlecht gepolstert. Kurz, alles entsprach bestenfalls den Ansprüchen, wie sie ein gewöhnlicher Privatmann stellte. Auch bei Speise und Trank gab sich das Ehepaar genügsam. Selbst wenn Gäste eingeladen waren, wurde auf übermäßigen Prunk und ein aufwendiges Mahl verzichtet. Man hielt jene lieber durch anregende Gespräche und Einlagen verschiedenster Art bei guter Laune. Einen ähnlichen Eindruck vermittelten so auch ihre Landsitze. Das Paar verabscheute große und in verschwenderischer Pracht prunkende Herrensitze.
Fremde Könige sandten ihre Kinder nach Rom, um ihnen unter der Obhut von Augustus und seiner Gemahlin eine gediegene Erziehung angedeihen zu lassen.
Die züchtig und ehrenhaft erzogene Livia, durch und durch Vernunftmensch, konnte ihren Ehemann nicht mit einem stark gefühlsbetonten, ausgelassenen Sexualleben bezaubern. Sie hatte aber Verständnis genug, die Bedürfnisse ihres Gatten zu akzeptieren, auch die Tatsache, daß er Seitensprünge beging. Dieses verband die beiden außerordentlich miteinander.
Trotz ihrer vielen Vorzüge gingen mehrere Gerüchte um, daß
sie Leute, die ihr im Weg standen, beseitigen ließ. Ein Opfer war der
einzige noch lebende Sohn von Agrippa und Iulia: AgrippaPostumus.
Er konnte Tiberius aber sehr wohl als Kontrahent um die Nachfolge
gefährlich werden, da mit letzterem zusammen adoptiert worden war. Wer
die Ermordung des Agrippa Postumus angeordnet hat, ist unbekannt.
Es wäre möglich, daß sowohl Augustus zur Absicherung der
Herrschaftsübergabe als auch Livia den Mord angeordnet hätte.
Der Tod des Augustus
Es ging letztendlich auch das Gerücht um, daß Livia ein paar Feigen von jenem Baum gelesen hätte, von dem sie der Princeps gewöhnlich eigenhändig pflückte. Einige von ihnen hätte sie mit Gift bestrichen und diesen ihrem Gatten dargeboten, während sie selbst unbehandelte verzehrte. Tatsache ist, daß sich 14 n. Chr. Augustus war sechsundsiebzig Jahre alt der Gesundheitszustand des Princeps zusehends verschlechterte. Germanicus hatte den Auftrag erhalten, den germanischen Krieg zu Ende zu führen, Tiberius sollte nach Illyrien entsandt werden. Augustus wollte ihn bis Benevent begleiten. Obgleich er sich während einer nächtlichen Schiffahrt einen Durchfall zugezogen hatte, setzte er die Reise fort. Sobald die Gesellschaft, der auch Livia angehörte, Benevent erreicht hatte, wurde Tiberius verabschiedet. Noch immer hatte sich der Princeps von seiner Darmkrankheit nicht erholt. Dennoch trat er die Rückreise an. In Nola, dem Sterbeort seines Vaters, verschlimmerte sich der Zustand so sehr, daß er sich zu Bett legen mußte und sich veranlaßt sah, Tiberius zurückzurufen. Livia war die ganze Zeit über mit ihrem Gatten zusammengewesen. So auch an seinem letzten Lebenstag, dem 19. August 14 n. Chr. Im Sterben bedachte sie der Princeps noch mit rührenden Worten. Ob Augustus an einem chronischen Leberleiden, hervorgerufen durch eine Kreislaufschwäche und schlechte Blutzirkulation, oder an einer plötzlichen Erkrankung mit Durchfall infolge einer Verkühlung bei der nächtlichen Schiffahrt starb, sei dahingestellt.
Livia hielt den Tod des Augustus geheim, weil sie ihrem Sohn Tiberius die
Regierung sichern wollte, die Augustus in guter und solider Politik und Vorarbeit
geschaffen hatte. Wenn überhaupt, dann setzte sie diese Maßnahme
jedoch sicher nicht gegen den Willen ihres Mannes, sondern um einen
befürchteten Einspruch von außen zuvorzukommen. Eine direkte Beihilfe
zur Regierungsübernahme durch Tiberius war unnötig, da ohnedies
alles in die Wege geleitet worden war, um Tiberius ein Weiterregieren nach
dem Tod von Augustus zu ermöglichen. Wenn Livia den Tod ihres Gatten
wirklich für einige Zeit verschwiegen hat, so hätte es nur dazu
dienen können, bis zum Eintreffen ihres Sohnes das Aufkommen einer
allgemeinen Unruhe zu vermeiden. Vieles aber spricht dafür, daß
dem nicht so war. Die Kraft, die Tiberius zum Princeps erhoben hat, ist
jedenfalls zu diesem Zeitpunkt unter keinen Umständen mehr in ihrer
Person zu suchen. Ebensowenig, wie Livia in diesen Stunden ihrem Sohn zur
Herrschaft verholfen hat, kann sie generell als ausschlaggebend in dieser
Frage betrachtet werden. Solange eine Alternative für seinen Stiefsohn
in Aussicht stand, stürzte sich Augustus mit allen Kräften auf
diese. Als es sich abzuzeichnen begann, daß kein Iulier die Nachfolge
antreten könne, war es naheliegend, daß der alternde Princeps
auf den Sohn seiner Gattin zurückgriff.
Livias Ernennung zur Iulia Augusta
In einer Senatssitzung wurde über die Ehren des
verstorbenen Kaisers beraten. Augustus wurde unter die Götter
erhoben und erhielt einen eigenen Kult. Livia wurde zu einer Priesterin
bestimmt, wobei man ihr gestattete, sich bei der Ausübung der heiligen
Handlungen eines Liktors zu bedienen. Der Senat gelobte ein Tempel zu Ehren
des Augustus, "templum Augusti" genannt, zu errichten, dessen Bau
Livia und ihr Sohn übernahmen. Dieser wurde auf Palatin errichtet.
Tiberius scheint aber das Bauwerk nicht zu Ende geführt oder
zumindest die Einweihung nicht mehr vorgenommen zu haben. Der 27 v. Chr.
verliehene Augustus-Titel war ein Ehrenname mit einer ausgesprochen sakralen
Note. Bereits im Jahre 9 n. Chr. muß sich Augustus mit dem Gedanken
getragen haben, dieses im Laufe der Zeit immer mehr zum Titel gewordene Cognomen
weiterzuvererben. Die Verleihung des Augusta-Titels an Livia
erfüllte aller Wahrscheinlichkeit nach auch den Zweck, verstärkt
auf ihre "mater principis"-Rolle hinzuweisen, die durch ihre Adoption, die
sie im Grunde genommen zur Schwester des Tiberius machte, verloren
gegangen war.
Augustus' Nachfolger Tiberius
Die lange Ära der augusteischen Politik war mit
dem Tode des Regenten zu Ende. Als logischer Nachfolger nahm sein Adoptivsohn
Tiberius die Zügel in die Hand. Logisch war seine Nachfolge weniger
durch das Herrschaftssystem, das erst im Aufbau begriffen war, und wofür
noch kein Vorbild existierte, als vielmehr dank der gezielten Nachfolgepolitik
des Augustus. Für Livia freilich brach eine Zeit der
Umstellung an. Sie war nicht mehr Gattin des Princeps, der sie als kluge
Beraterin zu schätzen wußte und mit dem sie in ihrem Wesen sowie
in den Grundzügen der Politik übereinstimmte, sondern Mutter eines
Princeps, dessen Herrschaftsvorstellungen zum Teil beträchtlich von
denen seines Vorgängers und somit auch von den ihrigen abwichen. Hatte
Augustus auch ganz gewiß keine wie immer geartete Mitherrschaft
der Livia beabsichtigt, so wäre es dennoch sicher nicht gegen
seinen Willen gewesen, hätte sich Tiberius die Ansichten,
Vorschläge und Bitten seiner Mutter angehört. Dies hieß noch
nicht, daß sie auch alle in die Realität umgesetzt werden
mußten. So hatte es schließlich Augustus selbst gehalten.
Tiberius, als alternder Mann spät genug an die Regierung gekommen,
wollte vermutlich weder seiner Mutter Rechenschaft über seine Politik
ablegen, noch sah er wohl einen Grund dafür. Tiberius achtete
peinlichst darauf, daß sich seine Mutter nicht mehr Freiheiten herausnahm,
als sie bereits unter Augustus besessen hatte. Die Verständigung
zwischen Livia und Tiberius wurde zunehmend schwieriger, die
Bereitschaft, in den an Intensität gewinnenden Konfliktsituationen dem
Partner nachzugeben, ließ begreiflicherweise nach. Tiberius
hatte jedoch das letzte Wort, deswegen wurde Livia von Mal zu Mal
vergrämter. Die Hartnäckigkeit, mit der beide ihre Standpunkte
vertraten, die Unverhohlenheit, mit der Livia ihrer Kränkung
und Verstimmtheit freien Lauf ließ, machten das Zusammenleben immer
schwieriger. So mag es durchaus vorgekommen sein, daß Tiberius
zeitweise ihre Begegnung mied. Livia hatte im Leben des
Tiberius stets eine dominierende Rolle gespielt. Hatte er schon als
Knabe durch seinen verschlossenen Charakter und seine depressive Stimmungslage
nicht gerade das Wohlgefallen seiner Eltern erregt, der junge Mann und Politiker
erwies sich noch viel mehr als Querkopf und Einzelgänger. Seine eigenen
Interessen mußte er nichtsdestoweniger den Plänen seines Stiefvaters
unterordnen. Für Tiberius war es gewiß bitter, daß
seine Mutter zu ihrem Gatten stand. Auf der anderen Seite war sie die einzige,
die beim Stiefvater Vergebung erwirken konnte.
Livias Sturz und Tod
Livia, die zweiundsiebzig Jahre alt war, fehlte
sicherlich jedes Verständnis für eine Änderung der Politik.
Sie war auch nicht bereit, auf ihren persönlichen Beitrag zum
Gesellschaftsleben, der für sie zur Selbstverständlichkeit geworden
war, zu verzichten, wie es Tiberius von ihr erwartete. Es war für sie
unbegreiflich, daß ihre Gegenwart bei öffentlichen Veranstaltungen,
ihr Erscheinen an Schauplätzen besonderer Ereignisse, ihr Beistand in
Unglücksfällen, was vor kurzem noch Begeisterung, Aufmunterung,
Sicherheit und Hilfe bedeutet hatte, jetzt plötzlich aufdringlich und
unangebracht scheinen sollte. Es stieß auf Unverständnis ihrerseits,
daß ihr ihre politischen Ansichten, ihre Ratschläge, ihre
Erfahrungswerte, die gestern noch geachtet und von Erfolg gekrönt waren,
plötzlich nichts mehr gelten sollten. Livia genoß auch während
der ersten Regierungsjahre des Tiberius nach wie vor die Hochachtung ihrer
Mitbürger. Sie erfreute sich noch derselben Beliebtheit wie zu Lebzeiten
ihres Gatten. Senatoren sowie einfache Leute erschienen im Palast, um Livia
die Aufwartung zu machen. Livia unterstützte gewiß auch jetzt
noch die Armen. Wütete in der Stadt eine Feuersbrunst, bot Livia in
jeder Hinsicht ihre Hilfe an. Als unvereinbar erwiesen sich vor allem ihre
Auffassungen in Kultangelegenheiten. Während Tiberius für seine
Person jede göttliche Verehrung ablehnte, stand Livia diesen hellenistischen
Einfluß durchaus ausgeschloßen gegenüber. Es zeigten sich
gerade in Fragen der Verehrung und Ehrung seiner Mutter schon sehr früh
Differenzen. Es war jedoch Livia als Gattin von Augustus zur Gewohnheit geworden,
am politischen Leben teilzunehmen, nicht nur durch direktes Eingreifen in
die Staatsgeschäfte, aber doch durch die Wahrnehmung von
repräsentativen Pflichten.
Im Jahre 22 n. Chr. sah Livia ihrem achtzigsten Geburtstag entgegen. Ihre schwere Erkrankung, sieben Jahre vor ihrem Tod, wird sie nicht fügsamer gemacht haben. Wenn Livias öffentliches Auftreten jetzt verstärkt Kritik hervorrief, wird dies auf die überempfindliche Reaktion ihres Sohnes zurückzuführen sein, dem es unangenehm war, mit sechzigjähriger Lebenserfahrung dem subjektiven Gefühl nach noch immer im Schatten der Mutter zu stehen. In familiärer Hinsicht verliefen Livias letzte Lebensjahre spannungsgeladen. Ihr Sohn hatte sich drei Jahre vor ihrem Tod auf die Insel Capri zurückgezogen. Seit diesem Zeitpunkt hatte sie ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen, abgesehen von einer kurzen Visite, wo sie sich weiter entfremdet haben. Ein weiteres Indiz hierfür ist, daß Tiberius, als seine Mutter wieder schwer erkrankte und im Sterben lag, sich zu keinem Besuch bewegen ließ. Mit sechsundachtzig Jahren starb Iulia Augusta nach kurzer Krankheit 29 n. Chr. Tiberius erschien nicht einmal zu ihrem Begräbnis. Tagelang verwahrte man in Rom die Leiche auf und wartete auf das Eintreffen des Princeps. Dieser aber erweckte den Anschein, als ob er in seinen Geschäften völlig aufgehe, weshalb er sein Kommen immer wieder verschieben müsse. Er ließ die Tote nicht einmal zur Schau aufbahren, wie es in Rom zu der Zeit üblich war. Da die Leiche zu verwesen anfing, mußte sie trotzdem zu Grabe getragen werden, ohne Pomp, ohne besondere Feierlichkeiten, ohne die Trauer ihres Sohnes. Eine öffentliche Beisetzung, ein paar Bilder und sonstige belanglose Dinge waren die einzige Ehrung, die Tiberius seiner Mutter erwies. Anders die Senatoren: sie empfanden aufrichtige Trauer. Ihre für Livia bestimmten Ehrenerweisungen überstiegen weit das übliche Maß. Unter ihren Beschlüssen findet sich sogar die Errichtung eines Bogens, eine Auszeichnung, die zuvor noch keiner Frau verliehen worden war. Der Princeps legte jedoch dem allzu großzügigen Senat Schranken auf. Während er ohnedies nur den kleinsten Teil der in diesem Gremium beschlossenen Ehren genehmigte, fügte er noch die Bitte hinzu, man möge auf eine göttliche Ehrung für die Augusta verzichten.
Erst zwölf Jahre später wurde dieses nachgeholt, durch den Princeps Claudius, ihrem Enkel. Dieser ließ ein Standbild Livias im Tempel des Augustus aufstellen, die Vestalinnen wurden mit dem Opferdienst betraut, außerdem veranstaltete Claudius seiner Großmutter zu Ehren ein Pferderennen. Des weiteren verfügte er, daß Frauen bei Eidesleistungen auf den Namen der Iulia Augusta schwören sollten.
Damit ging die Ära einer hochangesehenen Frau zu Ende.
Ümit Ersözlü 1998