Ovid
und seine ,,Amores“
Gliederung: 1.
Ovid 2.
Das elegische System 3.
Die Amores 4.
Das 1.Buch 5.
Das 2.Buch 6.
Das
3.Buch Ovid
Ovid
hieß eigentlich Publius Ovidius Naso und wurde am 20.März v.Chr. in
Sulmo, in der Nähe von Rom geboren. Zunächst studierte er Rhetorik,
wandte sich jedoch sehr früh der Dichtkunst zu. Im Jahre 8 n. Chr.
wurde er nach Tomis ins Exil geschickt. Alle seine Ersuche um
Begnadigung waren erfolglos. Im Jahre 17 n.Chr. starb er in der Stadt
Tomis als Ehrenbürger. Ovid
besaß die Kunst mit Witz und Phantasie zu schreiben und wurde so zum
Klassiker der lateinischen Literatur. Er setzte die elegische Tradition
von Tibull und Properz fort, die er beide kante und bewunderte. Ovid
ist für uns heute fast noch in seinen Werken erkennbar. Er verwandelt
sich dort in eine bestimmte Gestalt. Wenn er in seinen Werken ,,Ich“
sagt, präsentiert er sich dem Leser in einer bestimmten Rolle, z.B. als
Liebhaber oder Liebender usw. Das
12. und 13. Jahrhundert der lateinischen Literatur wurde auch ,,Aetas
Ovidiana“ genannt, denn sie war vom Einfluss des antiken römischen
Dichters Publius Ovidius Naso so stark wie von keinem anderen Autor geprägt.
Bis heute verlor zwar die Nachwirkung antiker Autoren an Bedeutung, aber
etwa seit Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, gewinnt Ovid
wieder zunehmend an Beliebtheit, so dass man erneut von einem
Ovidzeitalter sprechen darf. Ovid
ist der Protagonist in zum Teil sehr erfolgreichen Romanen. Sein
Hauptwerk, die Metamorphosen, regte einige moderne Autoren zu
Nachdichtungen an. Es
stellt sich jedoch die Frage woher dieses neu erwachte Interesse an dem
Autor herrührt. Es ist anscheinend nicht etwas Antikes das die heutigen
Leser Ovids fasziniert, sondern es wird häufig behauptet, dass er sehr
modern schreibe. Es besteht auch für heutige Leser ein grosses
Identifikationsangebot. Doch er schafft es auch alte Mythen so zu erzählen,
dass man das Gefühl hat, man habe es mit Erlebnissen von Romanfiguren
zu tun. Das elegische System
In der Antike schloss sich der Autor einer bestimmten Gattungstradition an, die der Leser erkannte. Heute ist das z. B. bei Kriminalromanen der Fall, in denen der Autor vorerst den Mörder verheimlicht und der Leser somit als Detektiv mitagieren kann. Bei
den verschiedenen Gattungen der römischen Literatur, bot die
Liebeselegie gute Voraussetzungen dafür, dass sich der Leser
wiedererkannte. Die Texte sind Gedichte aus elegischen Distichen, in
denen ein junger Dichter von seinen Erfahrungen als Liebhaber einer
jungen Frau berichtet. Sein Verhalten gehorcht dabei nachvollziehbaren
Regeln. Bei
anderen Autoren, wie Gallus, Properz und Tibull sind die gesamten
Erlebnisse Erfindungen der Phantasie. Das elegische Ich und das des
Autors sind also nicht identisch. In der Beziehung zwischen dem poeta/amator
und der puella treten Probleme auf. Und zwar der Gegensatz zwischen der
treuen Liebe eines jungen Mannes der Oberschicht und dazu die
Treulosigkeit einer hübschen, aber sehr an materiellen Werten
orientierten Freigelassenen. Zum Funktionieren dieser Beziehung muss
sich der poeta/amator von der Gesellschaft absondern und andererseits
der puella unterordnen, wie ein Sklave seiner Herrin. Dieses wird als ,,servitium
amoris“(erotischer Sklavendienst) bezeichnet, der sich z.B. darin äußert,
dass der poeta/amator sich
die ganze Nacht, weil die puella ihn nicht einläßt, vor die Tür der
puella legt und ein Klagelied singt. Unter
einer Elegie versteht man zur Zeit des Ovid nämlich ein Klagelied.
Meistens führt dieses jedoch nicht zum Erfolg. Diese Erfolglosigkeit
ist für den Typ der Liebeselegie charakteristisch. Die
Absonderung von der Gesellschaft geschieht dadurch, dass er der
Idealvorstellung der römischen Oberschicht von der Lebensführung eines
jungen Mannes den Abschied erklärt. Der
Sklave der puella lebt nur für die Liebe. Er schreibt keine Dichtung über
Krieg und Erwerb von Macht und Geld, sondern seine Liebe und die puella
sind sein einziges Thema. Bereits
in der 1.Dichtung der Elegiensammlung den Amores, fängt Ovid an das
elegische System seiner Vorgänger zu variieren und am Ende sogar ad
absurdum zu führen. Ovid
besitzt die Kunst das elegische System abzuwandeln. Die Amores
Der
Ich-Erzähler in Ovids Elegiensammlung Amores, man kann es auch fast als
einen Roman bezeichnen, spielt eine Doppelrolle. Er agiert sowohl als
elegischer Dichter als auch als elegisch Liebender. Die Gedichte sind
nicht nur Träger einer erotischen Handlung, sondern auch von
dichtungstheoretischer Widerspiegelung. Beides zusammen ergibt ein
Spannungsfeld: Der Held als amator verliert, im Gegensatz zum poeta, der
sein Werk fest im Griff behält, im Verlauf der Romanhandlung immer mehr
die Kontrolle über seine Beziehung zur puella. Buch 1: Womanufacture und die 1.Folgen
Gleich
die ersten beiden Gedichte des 1.Buches zeigen, das die erzählten
Liebeserfahrungen nicht in Poesie umgesetzte eigene Erfahrungen des
Autors sind, sondern dass es sich um ein Konstrukt handelt. Zunächst
wird die Rolle des elegischen poeta konstruiert. Durch Diebstahl des
Liebesgottes wird der 2.Hexameter in einen Pentameter, somit in ein
elegisches Distichon und er selbst in einen Dichter erotischer Elegien
verwandelt. Die Rolle des amators wird ihm durch einen Pfeilschuss Amors
übertragen, der dafür sorgt, dass er sich verliebt. Nachdem sich der
poeta/amator dessen bewusst wird, bekennt er sich in der 2.Elegie zum
Sklave Amors. In der nächsten Elegie verspricht der poeta/amator der
puella, er werde ein elegischer Liebhaber, viele Jahre treu sein und wie
ein Sklave dienen. Als elegischer Dichter wird er für seinen und den
Ruhm der puella sorgen. In der 4.Elegie versucht der poeta/amator die
puella, die zur Zeit noch einen anderem Mann gehört, zu belehren, wie
sie sich bei einem Gastmahl, bei dem beide Männer anwesend sind, zu
verhalten habe. In der 5.Elegie erfahren wir, dass die puella bei einer
siesta zu dem poeta/amator ins Bett kommt. Er erzählt, dass sie Corinna
heisst und berichtet von ihrer Schönheit. Die Elegien 3-5 zeigen ein
bestimmtes Handlungsschema.: Beginn der erotischen
Beziehung-Hindernisse(z.B. Trennung)-Erfolgserlebnis. Doch Aktionen, die
ihn vorläufig zum Erfolg führen, geben gleichzeitig Voraussetzungen
zum Mißerfolg. Er ist z.B. unaufrichtig zur puella, aber in seiner
Liebeslehre verlangt er von ihr ebenfalls unaufrichtig zu sein. Man
erkennt nicht direkt, dass er seine Liebeserklärung nicht ernst meint,
aber er vergleicht die puella mit den mythischen Frauen Io, Leda und
Europa, die von dem ,,Don Juan“ Jupiter in veränderter Gestalt verführt
werden. Dieses lässt auch erkennen, dass sich der poeta/amator in einen
Don Juan verwandeln will. Die ersten Elegien zeigen, dass die Frau keine
lebensechte Geliebte, sondern nur eine Wunschvorstellung ist. Corinna
entspricht nicht einer Frau, die zur Zeit Ovids lebte, sie ist sozusagen
ein Produkt von ,,womanufacture“. Auch
auf poetischer Ebene wird der Eindruck durch die zu Corinnas
Beschreibung benutzten Worte bestätigt, dass sie nur ein literarisches
Konstrukt ist. Hier
ein Beispiel, (1.Buch, Elegie 5,17): Als
sie hüllenlos vor meinen Augen stand, war an ihrem ganzen Körper(corpus)
nirgendwo ein Makel(menda). Poeta und amator legen großen Wert darauf, dass es an einen Körper nichts zu meckern gibt. Für den poeta bedeutet das, dass es an seinen Elegien nichts zu verbessern gibt. Corinna kann in diesem Fall mit der Dichtung(poesis) in Verbindung gebracht werden. So erfolgt eine Gegenüberstellung von poeta/amator und poesis/amata. Auch
im weiteren Verlauf des ersten Buches sind Seitensprünge der puella ein
Thema, jedoch wird nie direkt gesagt, dass die puella den poeta/amator
betrügt. Er hofft auf weitere Treffen mit ihr. Diese Phase erfolgt in 2
Erzählsequenzen. Die 1.Sequenz, die Elegien 6-10, beginnen mit einer
Situation, die im Gegensatz zu Elegie 5 steht. Die puella lässt ihn
nicht zu sich, so dass er ein Klagelied singt. In der 7.Elegie erfahren
wir, dass er die puella schlägt, in der 8., dass es einen Rivalen gibt.
Er hat nämlich ein Gespräch zwischen der puella und der Kupplerin
belauscht. In Elegie 9 richtet der Autor eine Rede an seinen Freund
Atticus, in der er das Leben eines Liebenden mit dem eines Soldaten
gleichsetzt. Das ist jedoch wahrscheinlich nur Flucht vor der Realität.
In der 10.Elegie beschreibt der Dichter, dass die puella sich seit
neuestem für Geschenke begeistert. Außerdem erzählt der poeta/amator,
das Aussehen der puella würde ihn nicht mehr betören. Er scheint also
erneut verwandelt, doch der Beginn der 3.Sequenz beweist das Gegenteil.
Er bittet die puella in der Nacht zu ihm zu kommen. In Elegie 12 erfolgt
darauf eine negative Reaktion. In 13 beschreibt er jedoch, wie er mit
der puella im Bett bleibt. Es besteht aber weiterhin der Anlass, dass
sie in einen anderen Mann verliebt ist. Eine Predigt in Elegie 14 läßt
jedoch keine Eifersucht, sondern eher ein Auftrumpfen erkennen. In 15
sieht sich der poeta/amator durch seine Poesie unsterblich werden. Den
Fortgang der Handlung erfahren wir hauptsächlich durch lange Reden des
poeta/amator. Der Liebende ist ein Großmaul, der durch seine Reden fast
nichts erreicht. Der Ich-Sagende wird in den Amores durch die Redekunst
des Autors oft lächerlich gemacht. Ovid
spielt mit dem elegischen System. Er versucht aber auch den Leser zum
Nachdenken über Wesen und Möglichkeiten elegischer Poesie zu bringen.
Wenn Ovid z.B. vom Haar der puella redet, steht dies nicht nur für
erotische Stimulanz, sondern für Ovid ist eine tolle Frisur Abbild von
Kleinpoesie. Er redet immer wieder vom Haar der puella bis sie es
verliert. In Elegie 14 kann man neben dem amator auch den poeta über
die Dichtkunst reflektieren hören. Er hat jedoch als Dichter die puella
unter Kontrolle. Auch in der Szene, in der er sich Vorwürfe macht, weil
er die puella geschlagen und dabei auch ihre Frisur zerstört hat, hört
man amator und poeta sprechen. (Elegie 7,67): Und nun damit nicht so traurige Zeichen meines Verbrechens bleiben,
frisiere wieder dein Haar und
bringe es in die richtige Form. Der poeta will sein Werk so wieder
zur Ordnung rufen. Also werden schon im 1.Buch das Spannungsverhältnis
zwischen der Erzählung der 1.Erfahrungen des poeta/amators mit der
puella und dem poetischen widerspiegeln deutlich. Buch 2: Don Juan als Liebhaber und Dichter
Im
2. Buch wird das versuchte Fremdgehen sowohl des amators als auch des
poeta beschrieben. Die 1.Elegie ist eng mit der Elegie 1 des 1.Buches
verbunden, der poeta wird erneut am Verfassen einer Geschichte
gehindert. Dieses mal bringt ihn die puella dazu, weil sie ihn nicht
einlässt, durch Elegien weiter um sie zu werben. In 2 und 3 fordert der
poeta/amator, der eine neue puella kennengelernt hat, die jedoch mit
einem anderen Mann zusammenlebt, ihren Bewacher auf, einer Beziehung zu
dem poeta/amator nicht im Weg zu stehen. Dieses bleibt aber wiederum
erfolglos. In der 4.Elegie erklärt er jedoch unheilbar polygam zu sein.
Er beweist das, indem er die ihn anziehendsten Reize verschiedenster
Frauen aufzählt. Er benutzt die Worte eines Don Juan. In Elegie 5 wird
geschildert, wie die puella den poeta/amator vor dessen Augen betrügt.
Die Elegie ist Endpunkt einer Handlungslinie. In der 6 ist von etwas
neuem die Rede, nämlich vom Tod des Papageis der Corinna. Vielleicht
will der poeta/amator dadurch
erneut um die puella werben. In den Elegien 7 und 8 kommt der Don Juan
zum Ausdruck. Der poeta/amator hat ein Verhältnis mit Corinnas Sklavin.
In Elegie 9a will er Amor den Dienst kündigen, doch in 9b nimmt er in
einer 2.Rede an Amor alles zurück. In 10 erzählt er seinen Freund
Graecinus, er sei in zwei Frauen verliebt. Doch das Ende dieses
Gedichtes ist reines Wunschdenken (V.35-38), er wünscht sich beim
Geschlechtsakt zu sterben. In Elegie 11 erfahren wir, dass Corinna
verreisen will. Der poeta/amator geht von einem erneuten Seitensprung
aus. Zuerst will er sie zurückhalten, doch dann verspricht er, ihr bei
der Rückkehr alles zu glauben, was sie erzählt. In der 12.Elegie
spielt er wieder den Helden, der erzählt, er halte die puella im Arm.
Dieses heldenhafte Benehmen erinnert an die 9.Elegie des 1.Buches. Wir
erfahren in Elegie 13 und 14, dass die pulla schwanger war und
abgetrieben hat. Wer nun den Vater war, wissen wir nicht. Aus den Don
Juan Plänen des potas/amators wird nichts. In den Elegien 15 und 16
wird er von der puella getrennt und er hat Sehnsucht nach ihr. Er
schickt ihr einen Ring und in Elegie 16 erzählt er von einer Reise auf
ein Landgut, wohin er sich die puella wünscht. In den nächsten beiden
Elegien verfällt er wieder in den Sklavenzustand. In 17 macht er
deutlich, dass nur Corinna in seinen Gedichten besungen werde. In 18 erzählt
der poeta/amator, dass er versucht habe sich von der puella zu trennen,
jedoch durch ihre Zärtlichkeiten bei ihr und der Gattung der Elegie
festgehalten werde. Er lässt sich von ihr vom Schreiben einer Tragödie
abbringen. Er kann sich nur im Schreiben von Elegien zwischen zwei Typen
entscheiden. Er hat die Möglichkeit die Amores weiterzuschreiben oder
elegische Briefe von mythischen Frauen (V.21-26). Vorläufig setzt er
die Amores fort. In Elegie 18 zeigt er sich auf dem Gebiet der Poesie
als Don Juan.. Erst will er der Elegie durch schreiben einer Tragödie
untreu werden, dann schreibt er eine andere Elegie, die ,,Epistulae
Herodium“, dieses ist sozusagen ein Fremdgehen, da das elegische Ich
nicht der poeta/amator ist. Der poeta/amator wünscht sich schon länger
einen Seitensprung. In Elegie 4 werden verschiedene Frauentypen so
beschrieben, dass man den Text auch als metamorphosische Beschreibung
der Variabilität der Stilmittel und elegischer Poesie lesen kann. Auch
Elegie 6 , in der der poeta/amato über den Tod des Papageis klagt, kann
man auf poetischer Ebene interpretieren. Das eigentliche Anliegen dieser
Elegie ist es, den Leser durch die Charakterisierung des Papageis an die
Person des poeta/amators zu erinnern. Er und der Papagei haben beide den
,,gelehrigen Mund“(V.62), die Freude an zu vielen Worten (V.26.29),
die bescheidene Lebensweise (V.31f.) und die Friedensliebe (V.25f.)
gemeinsam, aber auch dies: Der Papagei sagt im Vers 48: Corinna
vale (Leb wohl), und gerade der poeta/amator hat, so wie seine
Beziehung zur puella zu der Zeit läuft, allen Grund dies zu sagen. Der
amator wurde nämlich von der puella sehr enttäuscht. Aber die puella
steht ja auch für die Dichtung und so kann das ,,vale“ auch von dem
Dichter an die Dichtung gewandt sein. Der poeta versucht ja, wie gesagt,
das Schreiben von Elegien zu beenden, aber es gelingt ihm nicht. Corinna
als Dichtung repräsentiert den Typ von Elegie, in dem der Ich-sagende
poeta sich als Liebhaber einer einzigen Frau zeigt. Es ist also eine
traditionelle Liebeselegie. Elegie 6 ist die erste, die den klassischen
Typ abwandelt und den poeta/amator als Don Juan darstellen lässt. Die
19. Elegie weicht stark von dem ab, was man von den jeweils ersten Büchern
des Properz und Tibull gewohnt ist. Der poeta/amator tritt in der Elegie
erneut als Don Juan im Bereich der Liebe auf. Er hat sich kürzlich in
eine Frau verliebt und fordert derern Mann auf, er solle ihm das
Rivalisieren schwer machen, da zu leicht errungene erotische Erfolge
ohne Reiz wären. Die puella soll den poeta/amator selbst hinhalten und
es ihm nicht zu leicht machen (V.19-24). Wieder tritt er mit großen
Worten als Liebeslehrer auf. Doch der Don Juan hat anscheinend keinen
Erfolg. Es klingt zwar in Elegie 19 so, als habe er ein richtiges Verhältnis
mit der neuen puella, jedoch erscheint dies nicht sehr glaubwürdig. Als
elegischer Dichter begeht er eindeutig einen Seitensprung, das elegische
System wird auf den Kopf gestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der poeta/amator
immer heftig gklagt, wenn er es schwer hatte, die puella zu bekommen.
Nun fordert er die puella und den Rivalen auf ihm das Leben schwer zu
machen. Das entspricht nicht mehr einer klassischen Liebeselegie. Buch 3: Abschied des doppelten Lotterchens
In
der 1.Elegie ist gleich wieder von der Untreue des poeta/amators die
Rede. Die Elegie wird personifiziert und hat sehr viel Ähnlichkeit mit
der puella. Wie z.B. ein aufreizendes Äußeres(V.7-10), sie trägt
ebenfalls ein durchsichtiges Gewand (vgl.
1.Buch, 5,13 und 3.Buch, 1,9) und auch sie ist Ursache dafür, dass der
poeta/amator ein Lotterleben führt(V.15-22). Es gelingt ihr, wie vorher
der puella, ihren Verehrer nochmals vom überwechseln zu einer anderen
Gattung abzuhalten. Der poeta/amator schreibt noch ein letztes Buch, in
dem er gleich in Elegie 2 erneut sein Glück als Don Juan versucht. Er
setzt nämlich bei einem Wagenrennen seine Verführungskünste ein,
indem er wieder mal sehr viel redet. Wir erfahren nicht direkt, ob er
die puella erobert, jedoch ist das nach seiner Show sehr
unwahrscheinlich. Die 3.Elegie lässt ahnen, dass Corinna den poeta/amator
erneut betrogen hat. In 4 kontert er mit einer Aufforderung an den Mann
einer anderen puella, es hätte keinen Sinn die Frau zu bewachen, denn
nur sie selbst kann ihre Tugend bewahren. Deshalb sollte der Mann sich
mit ihren Freunden gut stellen. In Elegie 5 hat der poeta/amator einen
Traum: Eine Kuh trennt sich von ihrem Stier und geht zu anderen Stieren.
Traumdeuter sehen das als Hineis, dass ihn die puella verlassen werde.
Mit Elegie 5 endet die erste Pentade des 3.Buches und hat somit, wie die
jeweils 5.Elegien der beiden anderen Bücher eine wichtige Funktion für
den weiteren Verlauf und auch auf poetischer Ebene. In den weiteren
Elegien geht der Traum in Erfüllung. Sie zeigen Corinna im Besitz von
Rivalen. In Elegie 6 macht der poeta/amator einen Bach dafür
verantwortlich, dass er ihm den Weg zur Herrin versperrt. Dieses erfolgt
wieder mal vergebens. In Elegie 7 beklagt der Ich-Erzähler die Impotenz
bei einem Seitensprung und in 8, dass es die Herrin mit einem reichen
Offizier treibt. In
Elegie 9 beklagt der poeta/amator den Tod Tibulls, einer der Vorgänger
der römischen Elegie. Poetisch gelesen deuten diese Verse auf den Tod
der Gattung am Ende des Buches. In Elegie 10 wird erzählt, dass sich
die puella bei dem derzeitigen Fest der Ceres von Erotik fernhalten
muss, damals war ihr ein solcher Liebesverzicht gar nicht recht gewesen.
Die Elegie 11 wurde in 2 Elegien zerlegt. Der poeta verkündet in der
ersten Hälfte von 11, er habe die Liebe zur puella überwunden, doch in
der 2.Hälfte wieder in den servitium amoris zurück fällt. Der
besondere Reiz von 11a besteht darin, dass man bei allen negativen Äußerungen,
die der poeta/amator als Argumente zum Entschluss zur Trennung anführt,
merkt, dass die Erinnerungen an die puella sowohl schmerzlich als auch süß
sind. Die Verse 17-20 sind nur ein Monolog, in diesem kann der Liebhaber
hart bleiben, wenn er sich jedoch die Zärtlichkeiten der puella im
Geiste vorstellt, gelingt ihm das nicht. Der Vers 28, ,,Such
dir einen anderen Mann“, ist eigentlich nicht ernst gemeint. In
der 12 Elegie wird beklagt, dass die puella, angeblich durch die
Anpreisungen in den Gedichten, so viele andere Verehrer hat. In
Elegie 13 erfahren wir, dass der poeta/amator eine Ehefrau hat, mit der
er an einem Junofest teilnimmt. In 14 bittet er die puella, über ihre
Seitensprünge zu schweigen, aber erlaubt ihr gleichzeitig fremdzugehen,
wenn es sie erfüllt(V.21-26). Gerade an dieser Stelle beschreibt der
Dichter zum einzigen Mal das Liebesspiel, nämlich in einer Rede an die
ihn betrügende puella. Wieder erteilt er ihr Liebeslehren, die aber
beim Fremdgehen erfolgen sollen. Am Schluss der Elegie wird die Geliebte
sogar vom poeta/amator aufgefordert, alles abzustreiten, wenn er sie
beim Fremdgehen ertappt. In Elegie 15 erfolgt nur noch ein Schlusswort
zu Buch und Werk. Und eine Erklärung, dass er nun zu einer anderen
Gattung, wahrscheinlich zur Tragödie wechseln wird. Eine für seine
Handlung in den ersten beiden Büchern wichtiges Motiv findet sich in
Buch 3. Der poeta/amator wird Opfer seiner eigenen Lehren. Wenn er in
Elegie 11 über die Blicke junger Männer bei den mit der puella
gemeinsam besuchten Gastmählern klagt, V.23f., wird man daran erinnert,
wie er in Elegie 4 dem Partner einer anderen Frau riet, er solle mit
Freunden der Frau weggehen. Ab
Elegie 5 ist der poeta/amator endgültig erfolglos in seinem
Sexualleben. Die puella hat ihn am Ende des Buches längst verlassen.
Somit besteht aber eigentlich schon vorher kein Anlass mehr zum
schreiben von Elegien mit der puella im Mittelpunkt. So gehören ab
Elegie 5 tatsächlich mehrere Dichtungen zu einem anderen Typ. In Elegie
12 belegt der poeta/amator, der durch seine Beschreibungen in den
Elegien Corinna beliebt gemacht hat, dass die Dichter, die ebenfalls so
etwas schreiben, bei Ich-Erzählungen von einer Frau kein Glauben
verdienten. So hätten auch seine Rivalen an die Existenz der puella
nicht glauben müssen. Die Erzählung des Junofestes in Elegie 13 erhält
eine Erklärungssage, wie in den ,,Fasti“. Als
poeta verwandelt sich der Ich-Erzähler innerhalb der Amores.: vom
Dichter von Elegien mit der puella im Zentrum wird er zum Verfasser
anderer elegischer Gedichte. Der amator hingegen erscheint als
Karikatur eines Liebessklaven, ist aber der puella, wie nie zuvor,
entfremdet. Spätestens in der letzten Pentade des Buches ist dieser
Zustand erreicht. In Elegie 11 verfällt er der puella erneut, wenn er
an ihre Schönheit denkt. In 12 klagt er über sein unvorhergesehenes
Funktionieren als Zuhälter. In 13 beschreibt er den Ausflug mit der
Ehefrau und in 14 erklärt er sich bereit, der puella alles zu
verzeihen. Der amator hat seine Kontrolle über die Beziehung zur puella
verloren. Doch im Gegensatz dazu hat der poeta alles im Griff. Er
bereitet während des gesamten Buches seinen Abschied von der Elegie
vor. Die verschiedenen Spielarten der Gattung stimmen ihn darauf ein. Außerdem
gibt es eine Menge poetischer Aussagen, die sich meist aus der
Doppeldeutigkeit der Wörter ergeben, die auf puella und Dichtung
anwendbar sind. Bei Elegie 12 , in der der poeta/amator die puella
anpreist, indem er die Dichtung veröffentlicht, wird das besonders
deutlich. Es
ist nicht mehr möglich, die Amores, wie bislang, weiterzuführen, denn
man kann puella und poesis nicht mehr gleichsetzten. Das Werk hat nun
wirklich sein Ende erreicht.
20.12.2001 |