Ovid und seine ,,Amores“

 

Gliederung:

1.      Ovid

2.      Das elegische System

3.      Die Amores

4.      Das 1.Buch

5.      Das 2.Buch

6.    Das 3.Buch

 

Ovid

 Ovid hieß eigentlich Publius Ovidius Naso und wurde am 20.März v.Chr. in Sulmo, in der Nähe von Rom geboren. Zunächst studierte er Rhetorik, wandte sich jedoch sehr früh der Dichtkunst zu. Im Jahre 8 n. Chr. wurde er nach Tomis ins Exil geschickt. Alle seine Ersuche um Begnadigung waren erfolglos. Im Jahre 17 n.Chr. starb er in der Stadt Tomis als Ehrenbürger.

Ovid besaß die Kunst mit Witz und Phantasie zu schreiben und wurde so zum Klassiker der lateinischen Literatur. Er setzte die elegische Tradition von Tibull und Properz fort, die er beide kante und bewunderte.

Ovid ist für uns heute fast noch in seinen Werken erkennbar. Er verwandelt sich dort in eine bestimmte Gestalt. Wenn er in seinen Werken ,,Ich“ sagt, präsentiert er sich dem Leser in einer bestimmten Rolle, z.B. als Liebhaber oder Liebender usw.

Das 12. und 13. Jahrhundert der lateinischen Literatur wurde auch ,,Aetas Ovidiana“ genannt, denn sie war vom Einfluss des antiken römischen Dichters Publius Ovidius Naso so stark wie von keinem anderen Autor geprägt. Bis heute verlor zwar die Nachwirkung antiker Autoren an Bedeutung, aber etwa seit Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, gewinnt Ovid wieder zunehmend an Beliebtheit, so dass man erneut von einem Ovidzeitalter sprechen darf.

Ovid ist der Protagonist in zum Teil sehr erfolgreichen Romanen.

Sein Hauptwerk, die Metamorphosen, regte einige moderne Autoren zu Nachdichtungen an.

Es stellt sich jedoch die Frage woher dieses neu erwachte Interesse an dem Autor herrührt. Es ist anscheinend nicht etwas Antikes das die heutigen Leser Ovids fasziniert, sondern es wird häufig behauptet, dass er sehr modern schreibe. Es besteht auch für heutige Leser ein grosses Identifikationsangebot. Doch er schafft es auch alte Mythen so zu erzählen, dass man das Gefühl hat, man habe es mit Erlebnissen von Romanfiguren zu tun.

Das elegische System

In der Antike schloss sich der Autor einer bestimmten Gattungstradition an, die der Leser erkannte. Heute ist das z. B. bei Kriminalromanen der Fall, in denen der Autor vorerst den Mörder verheimlicht und der Leser somit als Detektiv mitagieren kann.

Bei den verschiedenen Gattungen der römischen Literatur, bot die Liebeselegie gute Voraussetzungen dafür, dass sich der Leser wiedererkannte. Die Texte sind Gedichte aus elegischen Distichen, in denen ein junger Dichter von seinen Erfahrungen als Liebhaber einer jungen Frau berichtet. Sein Verhalten gehorcht dabei nachvollziehbaren Regeln.

Bei anderen Autoren, wie Gallus, Properz und Tibull sind die gesamten Erlebnisse Erfindungen der Phantasie. Das elegische Ich und das des Autors sind also nicht identisch. In der Beziehung zwischen dem poeta/amator und der puella treten Probleme auf. Und zwar der Gegensatz zwischen der treuen Liebe eines jungen Mannes der Oberschicht und dazu die Treulosigkeit einer hübschen, aber sehr an materiellen Werten orientierten Freigelassenen. Zum Funktionieren dieser Beziehung muss sich der poeta/amator von der Gesellschaft absondern und andererseits der puella unterordnen, wie ein Sklave seiner Herrin. Dieses wird als ,,servitium amoris“(erotischer Sklavendienst) bezeichnet, der sich z.B. darin äußert, dass  der poeta/amator sich die ganze Nacht, weil die puella ihn nicht einläßt, vor die Tür der puella legt und ein Klagelied singt.

Unter einer Elegie versteht man zur Zeit des Ovid nämlich ein Klagelied. Meistens führt dieses jedoch nicht zum Erfolg. Diese Erfolglosigkeit ist für den Typ der Liebeselegie charakteristisch.

Die Absonderung von der Gesellschaft geschieht dadurch, dass er der Idealvorstellung der römischen Oberschicht von der Lebensführung eines jungen Mannes den Abschied erklärt.

Der Sklave der puella lebt nur für die Liebe. Er schreibt keine Dichtung über Krieg und Erwerb von Macht und Geld, sondern seine Liebe und die puella sind sein einziges Thema.

Bereits in der 1.Dichtung der Elegiensammlung den Amores, fängt Ovid an das elegische System seiner Vorgänger zu variieren und am Ende sogar ad absurdum zu führen.

Ovid besitzt die Kunst das elegische System abzuwandeln.

 

Die Amores

Der Ich-Erzähler in Ovids Elegiensammlung Amores, man kann es auch fast als einen Roman bezeichnen, spielt eine Doppelrolle. Er agiert sowohl als elegischer Dichter als auch als elegisch Liebender. Die Gedichte sind nicht nur Träger einer erotischen Handlung, sondern auch von dichtungstheoretischer Widerspiegelung. Beides zusammen ergibt ein Spannungsfeld: Der Held als amator verliert, im Gegensatz zum poeta, der sein Werk fest im Griff behält, im Verlauf der Romanhandlung immer mehr die Kontrolle über seine Beziehung zur puella.

 

Buch 1: Womanufacture und die 1.Folgen

Gleich die ersten beiden Gedichte des 1.Buches zeigen, das die erzählten Liebeserfahrungen nicht in Poesie umgesetzte eigene Erfahrungen des Autors sind, sondern dass es sich um ein Konstrukt handelt. Zunächst wird die Rolle des elegischen poeta konstruiert. Durch Diebstahl des Liebesgottes wird der 2.Hexameter in einen Pentameter, somit in ein elegisches Distichon und er selbst in einen Dichter erotischer Elegien verwandelt. Die Rolle des amators wird ihm durch einen Pfeilschuss Amors übertragen, der dafür sorgt, dass er sich verliebt. Nachdem sich der poeta/amator dessen bewusst wird, bekennt er sich in der 2.Elegie zum Sklave Amors. In der nächsten Elegie verspricht der poeta/amator der puella, er werde ein elegischer Liebhaber, viele Jahre treu sein und wie ein Sklave dienen. Als elegischer Dichter wird er für seinen und den Ruhm der puella sorgen. In der 4.Elegie versucht der poeta/amator die puella, die zur Zeit noch einen anderem Mann gehört, zu belehren, wie sie sich bei einem Gastmahl, bei dem beide Männer anwesend sind, zu verhalten habe. In der 5.Elegie erfahren wir, dass die puella bei einer siesta zu dem poeta/amator ins Bett kommt. Er erzählt, dass sie Corinna heisst und berichtet von ihrer Schönheit. Die Elegien 3-5 zeigen ein bestimmtes Handlungsschema.: Beginn der erotischen Beziehung-Hindernisse(z.B. Trennung)-Erfolgserlebnis. Doch Aktionen, die ihn vorläufig zum Erfolg führen, geben gleichzeitig Voraussetzungen zum Mißerfolg. Er ist z.B. unaufrichtig zur puella, aber in seiner Liebeslehre verlangt er von ihr ebenfalls unaufrichtig zu sein. Man erkennt nicht direkt, dass er seine Liebeserklärung nicht ernst meint, aber er vergleicht die puella mit den mythischen Frauen Io, Leda und Europa, die von dem ,,Don Juan“ Jupiter in veränderter Gestalt verführt werden. Dieses lässt auch erkennen, dass sich der poeta/amator in einen Don Juan verwandeln will. Die ersten Elegien zeigen, dass die Frau keine lebensechte Geliebte, sondern nur eine Wunschvorstellung ist. Corinna entspricht nicht einer Frau, die zur Zeit Ovids lebte, sie ist sozusagen ein Produkt von ,,womanufacture“.

Auch auf poetischer Ebene wird der Eindruck durch die zu Corinnas Beschreibung benutzten Worte bestätigt, dass sie nur ein literarisches Konstrukt ist.

Hier ein Beispiel, (1.Buch, Elegie 5,17): Als sie hüllenlos vor meinen Augen stand, war an ihrem ganzen Körper(corpus) nirgendwo ein Makel(menda).

Poeta und amator legen großen Wert darauf, dass es an einen Körper nichts zu meckern gibt. Für den poeta bedeutet das, dass es an seinen Elegien nichts zu verbessern gibt. Corinna kann in diesem Fall mit der Dichtung(poesis) in Verbindung gebracht werden. So erfolgt eine Gegenüberstellung von poeta/amator und poesis/amata.

Auch im weiteren Verlauf des ersten Buches sind Seitensprünge der puella ein Thema, jedoch wird nie direkt gesagt, dass die puella den poeta/amator betrügt. Er hofft auf weitere Treffen mit ihr. Diese Phase erfolgt in 2 Erzählsequenzen. Die 1.Sequenz, die Elegien 6-10, beginnen mit einer Situation, die im Gegensatz zu Elegie 5 steht. Die puella lässt ihn nicht zu sich, so dass er ein Klagelied singt. In der 7.Elegie erfahren wir, dass er die puella schlägt, in der 8., dass es einen Rivalen gibt. Er hat nämlich ein Gespräch zwischen der puella und der Kupplerin belauscht. In Elegie 9 richtet der Autor eine Rede an seinen Freund Atticus, in der er das Leben eines Liebenden mit dem eines Soldaten gleichsetzt. Das ist jedoch wahrscheinlich nur Flucht vor der Realität. In der 10.Elegie beschreibt der Dichter, dass die puella sich seit neuestem für Geschenke begeistert. Außerdem erzählt der poeta/amator, das Aussehen der puella würde ihn nicht mehr betören. Er scheint also erneut verwandelt, doch der Beginn der 3.Sequenz beweist das Gegenteil. Er bittet die puella in der Nacht zu ihm zu kommen. In Elegie 12 erfolgt darauf eine negative Reaktion. In 13 beschreibt er jedoch, wie er mit der puella im Bett bleibt. Es besteht aber weiterhin der Anlass, dass sie in einen anderen Mann verliebt ist. Eine Predigt in Elegie 14 läßt jedoch keine Eifersucht, sondern eher ein Auftrumpfen erkennen. In 15 sieht sich der poeta/amator durch seine Poesie unsterblich werden.

Den Fortgang der Handlung erfahren wir hauptsächlich durch lange Reden des poeta/amator. Der Liebende ist ein Großmaul, der durch seine Reden fast nichts erreicht. Der Ich-Sagende wird in den Amores durch die Redekunst des Autors oft lächerlich gemacht.

Ovid spielt mit dem elegischen System. Er versucht aber auch den Leser zum Nachdenken über Wesen und Möglichkeiten elegischer Poesie zu bringen. Wenn Ovid z.B. vom Haar der puella redet, steht dies nicht nur für erotische Stimulanz, sondern für Ovid ist eine tolle Frisur Abbild von Kleinpoesie. Er redet immer wieder vom Haar der puella bis sie es verliert. In Elegie 14 kann man neben dem amator auch den poeta über die Dichtkunst reflektieren hören. Er hat jedoch als Dichter die puella unter Kontrolle. Auch in der Szene, in der er sich Vorwürfe macht, weil er die puella geschlagen und dabei auch ihre Frisur zerstört hat, hört man amator und poeta sprechen. (Elegie 7,67): Und nun damit nicht so traurige Zeichen meines Verbrechens bleiben, frisiere wieder dein Haar und bringe es in die richtige Form. Der poeta will sein Werk so wieder zur Ordnung rufen. Also werden schon im 1.Buch das Spannungsverhältnis zwischen der Erzählung der 1.Erfahrungen des poeta/amators mit der puella und dem poetischen widerspiegeln deutlich.

 

Buch 2: Don Juan als Liebhaber und Dichter

Im 2. Buch wird das versuchte Fremdgehen sowohl des amators als auch des poeta beschrieben. Die 1.Elegie ist eng mit der Elegie 1 des 1.Buches verbunden, der poeta wird erneut am Verfassen einer Geschichte gehindert. Dieses mal bringt ihn die puella dazu, weil sie ihn nicht einlässt, durch Elegien weiter um sie zu werben. In 2 und 3 fordert der poeta/amator, der eine neue puella kennengelernt hat, die jedoch mit einem anderen Mann zusammenlebt, ihren Bewacher auf, einer Beziehung zu dem poeta/amator nicht im Weg zu stehen. Dieses bleibt aber wiederum erfolglos. In der 4.Elegie erklärt er jedoch unheilbar polygam zu sein. Er beweist das, indem er die ihn anziehendsten Reize verschiedenster Frauen aufzählt. Er benutzt die Worte eines Don Juan. In Elegie 5 wird geschildert, wie die puella den poeta/amator vor dessen Augen betrügt. Die Elegie ist Endpunkt einer Handlungslinie. In der 6 ist von etwas neuem die Rede, nämlich vom Tod des Papageis der Corinna. Vielleicht will der poeta/amator  dadurch erneut um die puella werben. In den Elegien 7 und 8 kommt der Don Juan zum Ausdruck. Der poeta/amator hat ein Verhältnis mit Corinnas Sklavin. In Elegie 9a will er Amor den Dienst kündigen, doch in 9b nimmt er in einer 2.Rede an Amor alles zurück. In 10 erzählt er seinen Freund Graecinus, er sei in zwei Frauen verliebt. Doch das Ende dieses Gedichtes ist reines Wunschdenken (V.35-38), er wünscht sich beim Geschlechtsakt zu sterben. In Elegie 11 erfahren wir, dass Corinna verreisen will. Der poeta/amator geht von einem erneuten Seitensprung aus. Zuerst will er sie zurückhalten, doch dann verspricht er, ihr bei der Rückkehr alles zu glauben, was sie erzählt. In der 12.Elegie spielt er wieder den Helden, der erzählt, er halte die puella im Arm. Dieses heldenhafte Benehmen erinnert an die 9.Elegie des 1.Buches. Wir erfahren in Elegie 13 und 14, dass die pulla schwanger war und abgetrieben hat. Wer nun den Vater war, wissen wir nicht. Aus den Don Juan Plänen des potas/amators wird nichts. In den Elegien 15 und 16 wird er von der puella getrennt und er hat Sehnsucht nach ihr. Er schickt ihr einen Ring und in Elegie 16 erzählt er von einer Reise auf ein Landgut, wohin er sich die puella wünscht. In den nächsten beiden Elegien verfällt er wieder in den Sklavenzustand. In 17 macht er deutlich, dass nur Corinna in seinen Gedichten besungen werde. In 18 erzählt der poeta/amator, dass er versucht habe sich von der puella zu trennen, jedoch durch ihre Zärtlichkeiten bei ihr und der Gattung der Elegie festgehalten werde. Er lässt sich von ihr vom Schreiben einer Tragödie abbringen. Er kann sich nur im Schreiben von Elegien zwischen zwei Typen entscheiden. Er hat die Möglichkeit die Amores weiterzuschreiben oder elegische Briefe von mythischen Frauen (V.21-26). Vorläufig setzt er die Amores fort. In Elegie 18 zeigt er sich auf dem Gebiet der Poesie als Don Juan.. Erst will er der Elegie durch schreiben einer Tragödie untreu werden, dann schreibt er eine andere Elegie, die ,,Epistulae Herodium“, dieses ist sozusagen ein Fremdgehen, da das elegische Ich nicht der poeta/amator ist. Der poeta/amator wünscht sich schon länger einen Seitensprung. In Elegie 4 werden verschiedene Frauentypen so beschrieben, dass man den Text auch als metamorphosische Beschreibung der Variabilität der Stilmittel und elegischer Poesie lesen kann. Auch Elegie 6 , in der der poeta/amato über den Tod des Papageis klagt, kann man auf poetischer Ebene interpretieren. Das eigentliche Anliegen dieser Elegie ist es, den Leser durch die Charakterisierung des Papageis an die Person des poeta/amators zu erinnern. Er und der Papagei haben beide den ,,gelehrigen Mund“(V.62), die Freude an zu vielen Worten (V.26.29), die bescheidene Lebensweise (V.31f.) und die Friedensliebe (V.25f.) gemeinsam, aber auch dies: Der Papagei sagt im Vers 48: Corinna vale (Leb wohl), und gerade der poeta/amator hat, so wie seine Beziehung zur puella zu der Zeit läuft, allen Grund dies zu sagen. Der amator wurde nämlich von der puella sehr enttäuscht. Aber die puella steht ja auch für die Dichtung und so kann das ,,vale“ auch von dem Dichter an die Dichtung gewandt sein. Der poeta versucht ja, wie gesagt, das Schreiben von Elegien zu beenden, aber es gelingt ihm nicht. Corinna als Dichtung repräsentiert den Typ von Elegie, in dem der Ich-sagende poeta sich als Liebhaber einer einzigen Frau zeigt. Es ist also eine traditionelle Liebeselegie. Elegie 6 ist die erste, die den klassischen Typ abwandelt und den poeta/amator als Don Juan darstellen lässt.

Die 19. Elegie weicht stark von dem ab, was man von den jeweils ersten Büchern des Properz und Tibull gewohnt ist. Der poeta/amator tritt in der Elegie erneut als Don Juan im Bereich der Liebe auf. Er hat sich kürzlich in eine Frau verliebt und fordert derern Mann auf, er solle ihm das Rivalisieren schwer machen, da zu leicht errungene erotische Erfolge ohne Reiz wären. Die puella soll den poeta/amator selbst hinhalten und es ihm nicht zu leicht machen (V.19-24). Wieder tritt er mit großen Worten als Liebeslehrer auf. Doch der Don Juan hat anscheinend keinen Erfolg. Es klingt zwar in Elegie 19 so, als habe er ein richtiges Verhältnis mit der neuen puella, jedoch erscheint dies nicht sehr glaubwürdig.

Als elegischer Dichter begeht er eindeutig einen Seitensprung, das elegische System wird auf den Kopf gestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der poeta/amator immer heftig gklagt, wenn er es schwer hatte, die puella zu bekommen. Nun fordert er die puella und den Rivalen auf ihm das Leben schwer zu machen. Das entspricht nicht mehr einer klassischen Liebeselegie.

Buch 3: Abschied des doppelten Lotterchens

In der 1.Elegie ist gleich wieder von der Untreue des poeta/amators die Rede. Die Elegie wird personifiziert und hat sehr viel Ähnlichkeit mit der puella. Wie z.B. ein aufreizendes Äußeres(V.7-10), sie trägt ebenfalls ein durchsichtiges Gewand

(vgl. 1.Buch, 5,13 und 3.Buch, 1,9) und auch sie ist Ursache dafür, dass der poeta/amator ein Lotterleben führt(V.15-22). Es gelingt ihr, wie vorher der puella, ihren Verehrer nochmals vom überwechseln zu einer anderen Gattung abzuhalten. Der poeta/amator schreibt noch ein letztes Buch, in dem er gleich in Elegie 2 erneut sein Glück als Don Juan versucht. Er setzt nämlich bei einem Wagenrennen seine Verführungskünste ein, indem er wieder mal sehr viel redet. Wir erfahren nicht direkt, ob er die puella erobert, jedoch ist das nach seiner Show sehr unwahrscheinlich. Die 3.Elegie lässt ahnen, dass Corinna den poeta/amator erneut betrogen hat. In 4 kontert er mit einer Aufforderung an den Mann einer anderen puella, es hätte keinen Sinn die Frau zu bewachen, denn nur sie selbst kann ihre Tugend bewahren. Deshalb sollte der Mann sich mit ihren Freunden gut stellen. In Elegie 5 hat der poeta/amator einen Traum: Eine Kuh trennt sich von ihrem Stier und geht zu anderen Stieren. Traumdeuter sehen das als Hineis, dass ihn die puella verlassen werde. Mit Elegie 5 endet die erste Pentade des 3.Buches und hat somit, wie die jeweils 5.Elegien der beiden anderen Bücher eine wichtige Funktion für den weiteren Verlauf und auch auf poetischer Ebene. In den weiteren Elegien geht der Traum in Erfüllung. Sie zeigen Corinna im Besitz von Rivalen. In Elegie 6 macht der poeta/amator einen Bach dafür verantwortlich, dass er ihm den Weg zur Herrin versperrt. Dieses erfolgt wieder mal vergebens. In Elegie 7 beklagt der Ich-Erzähler die Impotenz bei einem Seitensprung und in 8, dass es die Herrin mit einem reichen Offizier treibt.

In Elegie 9 beklagt der poeta/amator den Tod Tibulls, einer der Vorgänger der römischen Elegie. Poetisch gelesen deuten diese Verse auf den Tod der Gattung am Ende des Buches. In Elegie 10 wird erzählt, dass sich die puella bei dem derzeitigen Fest der Ceres von Erotik fernhalten muss, damals war ihr ein solcher Liebesverzicht gar nicht recht gewesen. Die Elegie 11 wurde in 2 Elegien zerlegt. Der poeta verkündet in der ersten Hälfte von 11, er habe die Liebe zur puella überwunden, doch in der 2.Hälfte wieder in den servitium amoris zurück fällt. Der besondere Reiz von 11a besteht darin, dass man bei allen negativen Äußerungen, die der poeta/amator als Argumente zum Entschluss zur Trennung anführt, merkt, dass die Erinnerungen an die puella sowohl schmerzlich als auch süß sind. Die Verse 17-20 sind nur ein Monolog, in diesem kann der Liebhaber hart bleiben, wenn er sich jedoch die Zärtlichkeiten der puella im Geiste vorstellt, gelingt ihm das nicht. Der Vers 28, ,,Such dir einen anderen Mann“, ist eigentlich nicht ernst gemeint. In der 12 Elegie wird beklagt, dass die puella, angeblich durch die Anpreisungen in den Gedichten, so viele andere Verehrer hat.

In Elegie 13 erfahren wir, dass der poeta/amator eine Ehefrau hat, mit der er an einem Junofest teilnimmt. In 14 bittet er die puella, über ihre Seitensprünge zu schweigen, aber erlaubt ihr gleichzeitig fremdzugehen, wenn es sie erfüllt(V.21-26). Gerade an dieser Stelle beschreibt der Dichter zum einzigen Mal das Liebesspiel, nämlich in einer Rede an die ihn betrügende puella. Wieder erteilt er ihr Liebeslehren, die aber beim Fremdgehen erfolgen sollen. Am Schluss der Elegie wird die Geliebte sogar vom poeta/amator aufgefordert, alles abzustreiten, wenn er sie beim Fremdgehen ertappt. In Elegie 15 erfolgt nur noch ein Schlusswort zu Buch und Werk. Und eine Erklärung, dass er nun zu einer anderen Gattung, wahrscheinlich zur Tragödie wechseln wird. Eine für seine Handlung in den ersten beiden Büchern wichtiges Motiv findet sich in Buch 3. Der poeta/amator wird Opfer seiner eigenen Lehren. Wenn er in Elegie 11 über die Blicke junger Männer bei den mit der puella gemeinsam besuchten Gastmählern klagt, V.23f., wird man daran erinnert, wie er in Elegie 4 dem Partner einer anderen Frau riet, er solle mit Freunden der Frau weggehen.

Ab Elegie 5 ist der poeta/amator endgültig erfolglos in seinem Sexualleben. Die puella hat ihn am Ende des Buches längst verlassen. Somit besteht aber eigentlich schon vorher kein Anlass mehr zum schreiben von Elegien mit der puella im Mittelpunkt. So gehören ab Elegie 5 tatsächlich mehrere Dichtungen zu einem anderen Typ. In Elegie 12 belegt der poeta/amator, der durch seine Beschreibungen in den Elegien Corinna beliebt gemacht hat, dass die Dichter, die ebenfalls so etwas schreiben, bei Ich-Erzählungen von einer Frau kein Glauben verdienten. So hätten auch seine Rivalen an die Existenz der puella nicht glauben müssen. Die Erzählung des Junofestes in Elegie 13 erhält eine Erklärungssage, wie in den ,,Fasti“.

Als poeta verwandelt sich der Ich-Erzähler innerhalb der Amores.: vom Dichter von Elegien mit der puella im Zentrum wird er zum Verfasser  anderer elegischer Gedichte. Der amator hingegen erscheint als Karikatur eines Liebessklaven, ist aber der puella, wie nie zuvor, entfremdet. Spätestens in der letzten Pentade des Buches ist dieser Zustand erreicht. In Elegie 11 verfällt er der puella erneut, wenn er an ihre Schönheit denkt. In 12 klagt er über sein unvorhergesehenes Funktionieren als Zuhälter. In 13 beschreibt er den Ausflug mit der Ehefrau und in 14 erklärt er sich bereit, der puella alles zu verzeihen. Der amator hat seine Kontrolle über die Beziehung zur puella verloren. Doch im Gegensatz dazu hat der poeta alles im Griff. Er bereitet während des gesamten Buches seinen Abschied von der Elegie vor. Die verschiedenen Spielarten der Gattung stimmen ihn darauf ein. Außerdem gibt es eine Menge poetischer Aussagen, die sich meist aus der Doppeldeutigkeit der Wörter ergeben, die auf puella und Dichtung anwendbar sind. Bei Elegie 12 , in der der poeta/amator die puella anpreist, indem er die Dichtung veröffentlicht, wird das besonders deutlich.

Es ist nicht mehr möglich, die Amores, wie bislang, weiterzuführen, denn man kann puella und poesis nicht mehr gleichsetzten. Das Werk hat nun wirklich sein Ende erreicht.

Janina Lücke

20.12.2001