PHILOSOPHEN AUS MILET

 

Thales

Thales war ein griechischer Naturphilosoph und lebte etwa 625 – 545 v. Chr.. Er stammte aus Milet, der größten Handelsstadt Ioniens, die an der kleinasiatischen Küste liegt, und war ein weitgereister Kaufmann, der durch seine Reisen vielerlei Kenntnisse erwarb. Seit Aristoteles galt er als der erste der ionischen Naturphilosophen und damit als der erste (griechische) Philosoph überhaupt. Schließlich wurde er zu den "Sieben Weisen" gezählt. Aufgrund seines in Ägypten erworbenen Wissens hat Thales mittels einer babylonischen Finsternisperiode die Sonnenfinsternis vom 28. Mai 585 v. Chr. vorausgesagt. Die Prägung des Spruches: "gnothi seauton!" – Erkenne dich selbst! wird Thales (auch Cheilon) zugeschrieben. Schriften von Thales sind bis dato nicht erhalten.

Viele von denen, die als erste philosophiert haben, glaubten, dass der einzige Urgrund aller Dinge im Wesen des Stofflichen liege. Die Substanz, woraus alles Seiende ist, woraus es zuerst besteht und in was es am Ende wieder vergeht, die zudem in seiner Substanz erhalten bleibt und sich jedoch in seine Zuständen wandelt, erklärten die Philosophen als Urelement und Urgrund alles Bestehenden. Sie waren der Überzeugung, dass eine gewisse Natursubstanz immer bestehen müsse, aus der dann auch die übrigen Dinge entstehen, während sie sich selbst stets erhält. Daraus folgerten sie, dass weder etwas entsteht noch gänzlich vergehen könne, da die Natursubstanz in ihrer Ganzheit immer erhalten bleibe.

Thales‘ Lehre bestand darin, dass alles aus dem Wasser hervorgegangen ist. Deshalb sagte er auch, dass alles auf dem Wasser schwimme. Höchstwahrscheinlich entnahm er diese Meinung der Beobachtung, dass die Nahrung aller Lebewesen feucht ist und dass das Warme selbst hieraus entsteht und hierdurch lebt. Eine allgemeine Auffassung der Naturphilosophen war, dass das, woraus etwas anderes wird, für alle Dinge ihr Urgrund ist. Letztendlich ist das Wasser für das Feuchte der natürliche Urgrund.

Anaximander

Anaximander, Sohn des Praxiades, war ebenfalls ein ionischer Naturphilosoph aus Milet, zudem der Schüler und Nachfolger von Thales. Er lebte circa 611 – 545 v. Chr. Seine Schrift "Über die Natur" war die erste philosophische griechische Schrift überhaupt. Von Anaximander soll die Gründung einer Kolonie am Schwarzen Meer (Apollonia) geführt worden sein, außerdem soll er in Sparta den von ihm aus Babylon eingeführten Sonnenzeiger (Gnomon) demonstriert haben.

Als Urgrund und Urelement aller Dinge sah Anaximander das Unbegrenzte an. Er hat als erster diesen Begriff für den Urgrund gebraucht. Obwohl Anaximander Schüler von Thales war, sah er weder das Wasser noch ein anderes der so genannten Naturelemente als Urgrund an, sondern eine gewisse andere unendliche Naturwesenheit, aus der alle Himmel (mehrere) entstanden seien und die in ihnen befindlichen Welten. Ursprung aller Dinge ist nach Anaximander das grenzenlos Unbestimmbare. Er nannte dieses Prinzip "Apeiron" (griech.: "Unerfahrbares"). Er begründete seine These damit, dass das Eine nicht eines von dem sein kann, was aus ihm wird (wie das Wasser nach Meinung des Thales). Es darf nicht ein Einzelnes sein, wäre es ein Einzelnes, so könne daraus nicht alles werden. Es muss alles umgreifen und kann nicht umgriffen sein. Ferner darf es nicht endlich sein, da dann des Werden ein Ende hätte. Damit das Werden nicht aufhört, muss der Grund des Werdens unendlich sein, d. h. es muss ein unerschöpflicher Vorrat da sein. Er ist der Ursprung von allem, der selber jedoch keine Ursprung hat. Anaximander sagte deshalb, dass das grenzenlos Unbestimmbare, das Apeiron, ohne Alter ist, also ohne Tod und unvergänglich. So lässt er die Entstehung der Dinge nicht infolge einer Wesensveränderung des Urelements geschehen, sondern infolge einer Aussonderung von gegensätzlichen Stoffen mittels der Bewegung. Gegensätzliche Stoffe sind das Warme und das Kalte, das Trockene und das Feuchte.

Anaximander war der erste, der eine Erdkarte (geographia) gezeichnet und einen Himmelsglobus (sphaera) konstruiert hat. Seiner Ansicht nach schwebte die Erde frei im Weltraum und die Sterne und die Sonne bewegten sich um die Erde herum, er brachte als erster die Welt in ihrer Gestalt und ihrem Geschehen als Ganzes vor Augen. Anaximander fand den Ansatz zu seiner Erdkarte durch die geringen und zerstreuten realen Kenntnisse der ionischen Seefahrer. Die Erde gleicht der Gestalt eines Zylinders, dessen Höhe ein Drittel des Durchmessers seiner Grundfläche ist. Die Erde schwebt im Mittelpunkt der Welt, daher ruhend, da kein Grund zu ihrer Bewegung bestand. Um sie liegt der Himmel als eine Art Kugel, und zwar in drei Kreisen, zunächst dem Sternenkreis, dann im weiteren Abstand dem Mondkreis, dann im weitesten dem Sonnenkreis, in Abständen von 9, 18 und 27 Erddurchmessern. Es gibt kein absolutes Oben und Unten. Die ganze Welt (das Universum) ist nach Anaximander folgendermaßen entstanden: Nach der Trennung von Heiß und Kalt wurde ein Teil des kalten und feuchten Inneren durch die Hitze der Flammensphäre in Dampf verwandelt, der die Flammensphäre in Ringe zersprengte. Diese Ringe haben in der Umhüllung durch den Dampf "Atemlöcher", durch die die Flammen durchscheinen. Das sind die Sterne, der Mond und die Sonne. Auf der Erde war durch eine große Überflutung (Urflut) zunächst alles feucht. Die Sonne wirkte trocknend, so dass die Verdunstung Wind erzeugten. Das Zurückbleibende war das Meer, das immer kleiner wird und irgendwann einmal austrocknen muss. Finsternisse der Gestirne entstehen dadurch, dass die Mündung eines Feuerluftloches vorübergehend verstopft wird. Der Mondwechsel erklärt sich dadurch, dass der Durchbruch (Burnet) sich langsam schließt und dann wieder langsam öffnet. Es gibt unendlich viele Welten wie diese, sie befinden sich erstens nebeneinander, die gleich weit von einander entfernt sind, und zweitens nacheinander, die in einer periodischen Wiederkehr einander folgen.

Lebewesen entstanden aus der Feuchtigkeit. Die ersten waren von stacheligen Rinden umgeben. Einige wanderten auf das Trockene, die Rinde fiel ab und sie änderten so ihre Lebensform. Der Mensch ist aus andersartigen Lebewesen entstanden. Denn wenn er von Anfang an so geboren würde, wie er sich später entwickelt, wäre er niemals am Leben geblieben. Er bedarf, im Gegensatz zu den Tieren, die ihren Unterhalt alsbald durch sich selber finden, einer langen Fürsorge der Eltern. Anaximander meinte, der Mensch sei ursprünglich dem Fisch ähnlich gewesen. Im Inneren von Fischen hätten sich ursprünglich die Menschen entwickelt und seien dort ernährt worden, so wie die Haifische. Erst nachdem sie dazu herangereift waren, sich selbst zu helfen, seien sie aus den Fischleibern herausgekommen und hätten sich aufs Land begeben.

Unsere Welt ist also aus dem Gegensatz Heiß und Kalt entstanden. Durch die Gegensätze erklärt Anaximander auch Tag und Nacht, Regen und Trockenheit, usw. Nach ihm tun die Gegensätze ihrem Wesen nach einander Abbruch. Nachdem sie ausgesondert worden sind, treiben sie sich gegenseitig hervor und vernichten sich wieder: das Heiße und das Kalte, die Luft und das Wasser, das Licht und das Dunkel. Es ist ein gewisses Streitverhältnis. Das Ganze der schon in Gegensätzen seienden Dinge nennt er die "Physis". Physis ist das, was keines der entgegengesetzten Dinge ist, sondern sie in sich begreift. Die Gerechtigkeit, das Gleichnis für den Kampf der Dinge, die sich gegenseitig hervortreiben und vernichten, nennt Anaximander "Dike". Sie ist der Grundgedanke der "Polis", in der Recht gesprochen wird. Die Macht der Dike ist unentrinnbar und ist nicht abhängig von der menschlichen Rechtsprechung. Sie ist eine ausgleichende Gerechtigkeit, die unantastbar ist. Anaximander erkennt –diesen Ausgleich im ganzen Weltgeschehen: alle Dinge liegen aufgrund ihrer Gegensätzlichkeit im Streit. Die Menschen befinden sich zugleich vor einem Gericht (in der Polis), die Bußen verteilt im Sinne der Dike. Die Bußen erfolgen, so Anaximander, einer "zeitlichen Anordnung". Die Zeit ist nicht selber der Richter, der die Bußen verteilt, sie führt jedoch das Gericht herbei. Die Dinge haben bei Anaximander ihr Entstehen und ihr Vergehen "gemäß der Notwendigkeit", also so, wie es bestimmt ist. Er lehnt das Entstehen und Vergehen folglich nicht an ein Naturgesetz, sondern wagt den Sprung in eine Abstraktion, in Bestimmung und Schicksal, einer übermenschlichen Macht oder dem Zufall überlegen. Jedoch bezeichnete auch er Götter, wenn auch in anderer Weise als zu dieser Zeit üblich. Er erblickte die Göttlichkeit in zwei Gestalten, nämlich in der Apeiron und in der Vielheit der Welten.

So erklärte sich Anaximander die Entstehung und das Dasein von der Welt, die aus gegensätzlichen Stoffen entstanden sind. Im Großen und Ganzen steuert das Apeiron also alles.

Historiker und andere spätere Philosophen bewunderten seine relativ einfachen Schritte mit zugleich so radikaler Bedeutung. Sie unterscheiden diese Schritte in dreifacher Abstraktion: zunächst vom unmittelbaren Augenschein zu dem, was bei dem in der Phantasie vorgenommenen Standpunktwechsel vorstellbar wird und bei realem Standpunktwechsel sich der Wahrnehmung zeigen müsste (das Schweben der Erde im Weltraum, kein absolutes Oben und Unten, usw.); - dann von allen diesen Vorstellungen zu dem, was im bestimmten Gedanken doch unanschaulich bleibt (Notwendigkeit, Gerechtigkeit, Umschlagen der Gegensätze, usw.), - und von diesem noch einmal weiter zu dem, was, in bestimmter Form undenkbar, vor allen Gegensätzen liegt. Dieses Denken ermöglichte in der Folgezeit ganz verschiedene geistige Bewegungen: die reine Spekulation von Parmenides und Heraklit, die naturwissenschaftliche Forschung.

Anaximenes

Anaximenes, Sohn des Eurystratos, ionischer Naturphilosoph aus Milet und Anhänger des Anaximander, lebte zwischen 585 und 525 v. Chr. und bezeichnete, wie Anaximander, die zugrunde liegende Substanz für eine einzige und ihrem Wesen nach als unendlich. Nach ihm ist sie jedoch nicht unbestimmt wie bei jenem, sondern klar umrissen. Er erklärte als Urstoff die Luft. Sie ist für alle anderen Dinge verantwortlich und unterscheide sich innerhalb der Seinszustände durch Verdünnung und Verdichtung.

Wenn sich die Luft verdünnt, wird sie nach Anaximenes zu Feuer. Verdichtet sich die Luft, wird sie zu Wind, sich mehr verdichtend wird sie zur Wolke, sich noch mehr verdichtend wird sie zu Wasser, bei noch stärkerer Verdichtung zu Erde und bei stärkster Verdichtung zu Stein. Als Wolke wandele sich die Luft in Wasser. Es entsteht Hagel, wenn das aus den Wolken stürzende Wasser gefriert, Schnee, wenn dieses Wasser mehr Feuchtigkeit enthält und gefriert, der Blitz, wenn die Wolken durch die Macht der Luftströmungen auseinandergerissen werden und ein heller feuriger Strahl entsteht, der Regenbogen, wenn die Sonnenstrahlen auf zusammengepresste Luftmassen treffen, Erdbeben, wenn die Erde infolge Erwärmung und Abkühlung stärkere Veränderungen erleidet. Solange die Luft ganz gleichmäßig verteilt ist, bleibt sie unsichtbar. Sie offenbart sich nur der Wahrnehmung durch Wärme, Kälte, Feuchtigkeit und Bewegung. Sie ist immer in Bewegung, da sich nichts umwandeln kann, wenn es nicht in Bewegung gerät.

Zitat: "Wie die Luft als unsere Seele uns zusammenhält, so umfasst Hauch und Luft die ganze Welt."

 

Thomas Frick, Latein LK 12

22.12.1999