Die Sophistik

Ursprüngliche Bedeutung: Die Sophistik steht – vereinfacht gesagt – im Gegensatz zur traditionellen Philosophie der Antike. Das Wort "Sophist" bedeutet nichts anderes als "Sachkundiger". Dadurch konnte das Wort Sophist auf jeden bezogen werden, der sich durch Können und Wissen auszeichnete. Denn die Sophisten lehrten nicht nur die Rhetorik, auch das Wissen anderer Gebiete wurde durch sie weitervermittelt. So waren auch Richter, Lehrer, Rhapsoden oder Naturphilosophen nach der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Sophisten. Die Sophistik bezeichnet keine klar definierte Gruppe oder eine bestimmte philosophische Richtung. Das ist einer der gravierenden Unterschiede zwischen einem Philosophen und einem Sophisten.

Einfluss und Wirkung: Die Entstehung der Sophistik bedeutete eine Wende in der Entwicklung der griechischen Philosophie. Die Sophistik tendierte nämlich zur Hinwendung auf den Menschen. Der Mensch als Individuum wurde stärker beachtet. Fragen über politische, moralische, rechtliche und kulturelle Themen waren von Bedeutung. Ihre Anhänger hatten praxisorientierte Erkenntnisinteressen und waren meist kritische Historiker (überprüften die Geschichte auf ihren Wahrheitsgehalt) und Sprachwissenschaftler. Die Grammatik, Stilistik, Redekunst, Sprachphilosophie und die Erkenntnistheorie wurden dadurch stark beachtet. Einfluss bekamen Sophisten vor allem durch politische Ursachen: Die Ablösung der Adelsherrschaft durch die Demokratie in Athen bedeutete, dass man nicht mehr durch seine hohe Geburt, sondern durch sein Auftreten überzeugen musste. Die Kunst der Rhetorik begann dadurch an Bedeutung zuzunehmen, denn sie war zum Überzeugen sehr nützlich (z. B. bei Gerichtsverhandlungen). Der Bedarf an einer entsprechenden Ausbildung wuchs. Dadurch entstand die Zunft der "kundigen Männer", der Sophisten, die ihre Fähigkeiten gegen Bezahlung zur Verfügung stellten. Das war ein völlig neuer Stil der Wissensvermittlung: die Sophisten waren professionelle Lehrer, die für ihre Dienste bezahlt wurden und keine Anhänger hatten (Bruch mit der traditionellen Wissensvermittlung). Das bedeutete die Demokratisierung der Philosophie, denn das Wissen wurde an alle weitergegeben und nicht nur an einen ausgewählten, meist adeligen Kreis. Die Sophistik war keine Weisheitslehre, die den ganzen Menschen prägte, wie es in der Philosophie der Fall war.

Kritik: Die Sophistik wurde oft kritisiert und durch Komödien abgewertet. Der antike Schriftsteller Plato behandelte in seinen Schriften die Sophisten geringschätzig und bezeichnete Sokrates als jemanden, der die Sophistik überwunden habe, obwohl dieser oft als Sophist bezeichnet wurde. Seine Kritik ging hauptsächlich gegen die Bezahlung von Wissen. Unterricht gegen Geld, so meinte er, sei anrüchig.

"Der Sophist als Wortverdreher, rednerischer Spiegelfechter, dem es nicht auf Wahrheit und Recht, sondern allein auf Überlistung des Gegners mit allen Mitteln und Kunstgriffen der Dialektik und Rhetorik ankommt."

Plato

Plato kritisierte auch, dass die Sophistik die Philosophie zu einem Mittel für äußerliche Ziele macht. Den Sophisten ging es nämlich um praktisch brauchbares Wissen (Rhetorik als Mittel zur Bewältigung von Aufgaben im sozialen Bereich beispielsweise).

Sophistischer Relativismus:Wie die Dinge uns erscheinen, so sind sie auch für uns, und von Dingen, wie sie unabhängig von ihrer Erscheinungsweise sein mögen, lässt sich nicht mehr sinnvoll reden. Es gibt also nach den Sophisten keine wahre Wirklichkeit "hinter den Dingen".Diese Tendenz zu Relativierung von Wahrheit und Wert macht einen Vorteil in der Rechtsphilospophie aus: neue Perspektiven wurden durch kritische Diskussionen über die Auffassung von Recht und Staat erschaffen. So sollten Strafen das Rückfälligwerden des Täters verhindern und andere potentielle Täter abschrecken. Damit verlor die Strafe an sich den Charakter der Sühne (Todesstrafe dadurch sinnlos).

 

Protagoras

"Der Mensch ist das Maß aller Dinge,
dessen, was ist, dass/wie es ist,
dessen, was nicht ist,
dass/ wie es nicht ist."
Homo-mensura-Satz

Als Philosoph: Protagoras, wohl der älteste und bedeutendste Sophist überhaupt, stammte aus Abdera und wurde dort 486v. Chr. geboren und starb 420 v.Chr. Er war ein Wanderlehrer der Rhetorik, weilte jedoch meist in Athen und trug dort zur Ausbreitung des philosophischen Denkens bei. Er hatte eine agnostische Haltung gegenüber Göttern und wurde deshalb in Athen wegen seiner Schrift "Über die Götter" der Gottlosigkeit angeklagt und verurteilt. Auf der Flucht ertrank er bei einem Schiffbruch. P. soll über die Götter gesagt haben, dass er aufgrund der Dunkelheit der Sache und der Kürze des Lebens nicht erkennen könne, ob sie seinen oder ob sie nicht seien.

"Über die Götter vermag ich nichts zu wissen, weder dass sie sind, noch dass sie nicht sind, noch wie sie an Gestalt sind. Denn vieles gibt es, was mich daran hindert, die Nichtwahrnehmbarkeit und die Kürze des Lebens."

"Über die Götter"

Andere Sophisten erklärten die Götter auch einfach als eine Erfindung kluger Staatsmänner.

Protagoras' philosophischer Hauptsatz (Homo-mensura-Satz) ist gegen die Eleaten gerichtet: Es gibt nicht eine dem Denken zugängliche Einheit des Seins und eine allgemein gültige Wahrheit, sondern alles ist das, als was es jeweils dem einzelnen erscheint. Protagoras‘ Hauptwerke sind "Wahrheit" und "Niederwerfende Argumente" ("Kataballontes"), die leider verlorengegangen sind. Die Werke "Über das Seinende" und die "Antilogien" werden ebenfalls erwähnt. P. gesamte Buchpublikationen sind verschwunden. Sie wurden angeblich in Athen verbrannt.

Homo-Mensura-Satz:Die Art, in der sich uns Dinge darstellen bzw. erscheinen, hängt nicht nur von den Dingen selbst sondern von unseren Reaktionen auf die von diesen Dingen ausgehenden Reizen ab. Das bedeutet, dass es auf die Verfassung des jeweiligen Betrachters ankommt, wie die Dinge gesehen werden. Also ist der Mensch das "Maß aller Dinge". Die Konsequenz ist, dass die Dinge für jeden so sind, wie sie ihm erscheinen. So drücken z.B. Urteile eine allgemein akzeptierte Meinung / Ansicht (doxa) aus (ß à traditionelle Philosophie: Urteile beschreiben angemessen das Wesen der beurteilten Wahrheit). So können einem Sachverhalt (mindestens) zwei verschiedene Urteile zugeordnet werden, denn der Mensch in seiner Beziehung zu Dingen ist das Maß der Wahrheit, und nicht die Dinge selbst Maß der Wahrheit.

Man ist sich nicht einig, ob ein griechisches Wort als Konjunktion (dass) oder als Adverb (wie) gesehen werden muss, da beide Bedeutungen einem gr. Wort zugeordnet werden. Die Interpretation dieses Satzes ist daher schwierig und vielfältig. Hauptsächlich gibt es zwei Arten von Interpretationen: die subjektivische und die relativistische.

subjektivische Interpretation:

relativistische Interpretation:

jede Erscheinung ist wahr

jede Erscheinung für das entsprechende Subjekt ist wahr

Beide Interpretationen sind umstritten.

Folgen: Aus dem Homo-mensura-Satz folgt für Protagoras ein Erkenntnisproblem: Sind wir fähig, die Wirklichkeit, wie sie an sich ist zu erkennen? (Erkenntnisphilosophie). Das ist eine bedeutende Frage, denn über eine Sache sind verschiedene Urteile möglich (à Geschmack, Aussehen, Kleidung...). Daraus folgt, dass bei Empfindungen, Wahrnehmungen kein übersubjektiver Maßstab der Wahrheit möglich ist. Für die Sophisten gibt es demnach keine menschenunabhängige Wahrheit. Die allgemeine Geltung von Urteilen beruht also auf Konventionen innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe. Protagoras führte diesen Gedanken sogar noch weiter. Nach ihm beruhen alle Begriffe auf Sinnenseindrücke. Plato findet diese sensualistische Auffassung bedenklich, denn dann wären ja alle Meinungen gleich wahr (Schüler-Lehrer-Verhältnis demnach unnötig, da der Schüler genauso recht hat wie der Lehrer).

 

Kurze tabellarische Zusammenfassung: Merkmale der Sophistik Kontra traditionelle Philosophie:

Sophistik

traditionelle Philosophie

1. Aufklärerisch

2. auf Mensch ausgerichtet
3. menschl. Ethik
4. Schwerpunkt Sprachtherorie, Ehtik
5. Relativismus, Rationalität

6. keine menschenunabhängige Wahrheit
7. Bezahlung des Wissens

8. keine Anhänger

9. keine Anerkennung von gleichbleibendenethischen Werten
10. Gegensatz von Natur (physis) und menschlichem Gesetz (nomos)
11. angemessenes (allgemeineres) theoretisches Wissen Grundlage für richtiges Handeln
12. Philosophie als Werkzeug
13. Philosophie als Beruf
14. kritische Rationalität (Analytiker)
1. Traditionelles Wissen wird weitergegeben, kaum Veränderungen in der Denkstruktur
2. Mehr auf Natur ausgerichtet
3. Gesetz der Natur
4. Schwerpunkt Naturphilosophie, Ontologie
5. Denken über die Realität hinaus, in anderen Dimensionen
6. Wahrheit "hinter den Dingen"
7. Wissen wird an ausgewählte Anhängerschaft weitergegeben (ohne Bezahlung)
8. besuchen Schulen und unterwerfen sich ihren Lehrern und den Lehren
9. Ethik gleichbleibend
10.Mensch von Natur abhängig, muss ihren Gesetzen folgen
11. Wissen für jedermann ist nicht nötig

12. Philosophie als höhere "seiende" Einsicht
13. Philosophie als Berufung
14. prophetische Verkündigungen (Verkünder einer höheren, für uneingeweihte verschlossene Einsicht)

ß skrupellose Individuen ohne Ideale

 

Quellen:
Andreas Graeser: Geschichte der Philosophie Bd. 2
Brockhaus Enzyklopädie
Wolfgang Röd: Kleine Geschichte der antiken Philosophie
Luciano de Crescenzo: Geschichte der griechischen Philosophie/ Die Vorsokratiker

 

 Frauke Pöhler

22.12.1999