Text Staatsstreich (aktuell)

Der Staatsstreich vom Januar 41 n. Chr.
 
 
 
 Tatort
 
 Der Durchgang im Circus Maximus, in dem Caligula ermordet wurde


Vorgeschichte: Caligula als Tyrann

Claudius Vorgänger, sein Neffe - der Kaiser Caligula kam 37 n. Chr. an die Macht. Er war der jüngste Sohn des Nationalhelden Germanicus und genoß zunächst große Sympathien in Rom. Doch war er bei seinem Regierungsantritt im Alter von 25 Jahren (noch) nicht ausreichend charakterlich gefestigt und entwickelte sich so nach einer schweren Krankheit zu einem Psychopaten, der unzählige römische Adlige, Bürger und Freigelassene hinrichten ließ, entweder, weil er in ihnen potentielle Verschwörer ausgemacht hatte oder einfach, um deren Besitz zu enteignen und zur Finanzierung seiner unermeßlichen Lebenshaltungskosten und Staatsausgaben zu verwenden. Obendrein demütigte er bei fast jeder sich bietenden Gelegenheit die z.T. sehr angesehenen Menschen in seiner Umgebung, wie den Prätorianertribun_ Cassius Chaerea und einige Senatoren. Caligula, eigentlich Gaius Julius Caesar Germanicus, hatte zudem eine größere Anzahl von Senatorenfrauen gezwungen, bei ihm Palast zu wohnen und für dessen Perversitäten zur Verfügung zu stehen. Dies gipfelte schließlich darin, daß er seinem Gefolgsmann, dem überaus geachteten Valerius Asiaticus, einem Konsular (gewesenen Konsul) während eines Gastmahles zurief, daß dessen Ehefrau beim Ehebruch mit ihm seinen Erwartungen nicht entsprochen habe.

Betrachtet man diese Gründe und die Tatsache, daß viele Verschwörer aus den ersten senatorischen Familien stammten, sieht man, wie tief die Ehre und das Selbstverständnis eines ganzen Standes verletzt waren. Man kann diese durchaus mit den Adelsfamilien des Mittelalters und der Neuzeit vergleichen, die oft untereinander verwandt und häufig interessengleich waren/sind, und so ist es fast sicher, daß eine erhebliche Anzahl weiterer Würdenträger gute Gründe hatte, dem Despoten ein vorzeitiges Ende zu bereiten.
 
Das Attentat: der Haß entlädt sich ...

Fast täglich wuchs der Kreis der Verschwörer und Mitwisser; die Entscheidung zum Mordanschlag war längst gefallen "und dennoch ahnte das Objekt ihres Zorns nichts davon, daß irgend jemand etwas gegen ihn im Schilde führen könnte", wie Flavius anmerkt. Auch wenn sich die Anzahl der Menschen, die von den Attentatsvorbereitungen wußten, schlecht schätzen läßt, ist es dennoch auffällig, daß Caligula hiervon keine Kenntnis erlangte und niemand es für sinnvoll hielt, es ihm mitzuteilen. Daraus läßt sich ableiten, daß an Caligulas Herrschaft auf Grund seines Wahns auch seine engsten, teilweise sogar von ihm abhängigen Günstlinge kein Interesse mehr hatten.

Dennoch waren auch die Verschwörer nicht in allem einig: Männer wie Vinicianus, Nonius Asprenas und vor allem Callistus fürchteten im Falle eines Fehlschlages im Gegensatz zu einem Cassius Chaerea um ihre riesigen Vermögen. Auch die Frage, wie es nach dem Attentat politisch weitergehen sollte, wurde verhängnisvoller Weise nicht oder nur unzureichend geklärt. Man entschied sich schließlich für den Anschlag während einer Theateraufführung, den sog. Palatinischen Spielen am 24. Januar 41 n.Chr.; mit dem Ergebnis, daß Caligula schließlich in einem schmalen Durchgang des Theaters von mehreren Verschwörern grausam erschlagen wurde. Der Hauptgefahr, nämlich der germanischen Leibgarde waren die Attentäter ausgewichen und so konnten die Täter, u.a. auch Chaerea entkommen, während sich die Volksmenge draußen über die Aufführungen amüsierte und erst allmählich das Gerücht vom gewaltsamen Tod des Herrschers aufnahm; viele hätten am liebsten laut losgejubelt, doch sie waren zu von unsicher aus Angst vor einer Fehlinformation und der dann folgenden Rache Caligulas, zumal es durchaus anderslautende Gerüchte gab.
 

Die Folgen: Claudius übernimmt die Macht ...

Als die germanische Leibgarde des Kaisers die Ermordung entdeckte, zog sie auf Grund ihrer sehr engen Bindung an den Kaiser rachelüstern durch die Stadt und ermordete jeden, der nicht rechtzeitig fliehen konnte, so z.B. Nonius Asprenas. Schließlich erreichten mehrere hundert Angehörige der germanischen Bodyguards das vollbesetzte Theater und begannen dort die Besucher niederzumetzeln. Unter den Zuschauern brach Panik aus und viele baten kniefällig um Verschonung, da sie angeblich weder vom Attentat wußten noch für fremde Schuld büßen wollten und so ließen die Germanen endlich vom sinnlosen Morden ab. Die Besucher verließen nun fluchtartig das Theater und erzählten die Ereignisse den Menschen in ihrer Umgebung, so daß sich die Nachricht vom Tod des Caligula nun wie ein Lauffeuer in Rom verbreitete.

Unterdessen trat der Senat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, um über die Folgen des Attentats zu beraten. "Sollte man einen Nachfolger nominieren oder bestand gar die Möglichkeit, die Republik wiedereinzuführen ?" Die vordringlichste Aufgabe bestand jedoch darin, die Volksmasse zu beruhigen, denn man hatte ihnen den großzügigen Spender von "Brot und Spielen" genommen und man empörte sich lautstark, daß die Mörder noch nicht gefunden und bestraft worden seien.

Nach dem dies mit Hilfe der vier "Cohortes Urbanae" (also der Stadtkohorten, einer Art Polizeitruppe) gewährleistet werden konnte, ergriff der Konsul Gnaeus Sentius Saturninus das Wort und forderte in einer beeindruckenden und ergreifenden Rede Unterstützung für die Wiederherstellung der Republik. Er wies eindringlich auf die Gefahren der Diktatur hin, "schließlich seien sie ja alle gebrannte Kinder" . Fast zwangsläufig wird man an die Rede von Otto Wels vor dem Reichstag gegen das "Ermächtigungsgesetz" der Nationalsozialisten im März 1933 erinnert und so war es in diesem Fall die letzte freie Rede für fast drei Jahrhunderte! Denn die Würfel waren längst zu Gunsten eines Fortbestandes des Prinzipates gefallen, weil die Prätorianer, fragwürdig ob zufällig oder nicht auf Claudius gestoßen waren und ihn mit in ihre Kaserne genommen hatten, um ihn zum neuen Herrscher auszurufen, da sie im Falle einer "restitutio rei publicae" negative Konsequenzen für sich selbst befürchteten.

Im Senat verdichteten sich immer mehr die Gerüchte um die angeblich kurz bevor stehende Kaiserkrönung von Claudius und "so schickten sie die vornehmsten aus ihrer Mitte zu Claudius, um ihn zu veranlassen, keine weiteren Schritte zum Erlangen der Herrschaft zu unternehmen und dies dem Senat zu überlassen," schildert Flavius Josephus die Reaktion des Senats. Anscheinend hat man also dem allgemein als Stotterer, Trottel und Unmündigem bekannten Claudius sehr wohl Eigeninitiative im Kampf um die Nachfolge Caligulas zugetraut, und so schafften es die gesandten Volkstribunen auch nicht, ihn zum Einlenken zu bewegen, obwohl Claudius selbst mehr überzeugter Demokrat als Monarchist war und er durchaus wußte, mit welchen Hoffnungen die Boten zu ihm gekommen waren. Doch Claudius hatte wohl, umringt von grimmigen Prätorianersoldaten im Interesse seines Lebens und im Bewußtsein, daß wesentlich ungeeignetere Kandidaten in der Gunst des Augenblickes um das Kaiseramt buhlten, keine andere Wahl und so baten ihn die Volkstribunen schließlich auch, daß er dem Senat gewähre, ihn zum Kaiser zu krönen.

Hier betrat eine höchst interessante, weitere Figur die Bühne der Ereignisse: Julius Herodes Agrippa. Er war ein Jugendfreund von Claudius, beide waren Anfang 50 und immer noch eng befreundet; Caligula hat den häufig hoch verschuldeten zum König von Palästina ernannt. Herodes riet dem immer noch zögernden, "die ungeheure, ihm übertragene Macht nicht aus den Händen zu geben." Nachdem er Claudius überzeugt hatte, wurde Agrippa vor den Senat zitiert. Mit seinem ausgebildeten, taktischen Geschick und seiner Gerissenheit legte er dem Senat die Situation da und wurde nun seinerseits als Unterhändler zu Claudius in die Prätorianerkaserne geschickt, ohne das einer von ihnen dem als Vertrauten von Caligula und Claudius bekannten Argwohn entgegenbrachte. Diesem erklärte er die Verlegenheit des Senats.

Gestützt auf Herodes, seine Frau Messalina  und den Freigelassenen Callistus, der als kaiserlicher Kabinettschef über alle Schritte und unterschiedlichen Interessen der Verschwörer durch seine Informanten und Spitzel bestens informiert war, gewann er durch riesige Geldgeschenke auch die bedingungslose Gefolgschaft von Prätorianern, germanischer und städtischer Garde. Auch Callistus mußte tief in seine Tasche greifen, da auch er wußte, daß er nur bei einem Fortbestand der Monarchie seine einflußreiche Stellung behalten würde.  Er ist also der erste römische Herrscher, der sich die Loyalität der Truppe erkaufte. Viele Mitglieder des Ritterstandes haben Claudius beim Aufbringen der enormen Summen geholfen, da auch sie an einer Restauration der Republik kein Interesse hatten, um ungehindert von republikanischen Grabenkämpfen ihre Geschäfte machen zu können. Als die Volksmenge schließlich noch einen Alleinherrscher forderte, mußte auch Claudius erkennen, daß die republikanischen Zeiten vorbei waren und ließ sich zum Kaiser ausrufen, sowie die Soldaten auf sich vereidigen.

Zudem war Claudius die Idealbesetzung für das Kaiseramt: er ist der letzte männliche Vertreter der Julisch-Claudischen Familie; er ist der äußerlich sehr ähnliche Bruder des legendären Germanicus und er hat die Tyrannei des unberechenbaren Caligula und späten Tiberius selbst erlebt und, wie es nur ein Überlebenskünstler kann, überlebt. Vor allem aber hat er sich durch sein Benehmen in der Öffentlichkeit den Ruf eines anständigen, traditionsbewußten, hilfsbereiten und freundlichen Mannes erworben, der trotz aller Skandale um die Kaiserfamilie stets nicht vom rechten Weg abwich. Das ist, wie seine Berater wissen, mehr wert für die Volksmeinung als Geld und brillante republikanische Reden.

Nun fand sich der Senat zu einer weiteren Sitzung im Tempel des siegverleihenden Jupiters zusammen. Doch den Sieg haben endgültig andere errungen: weite Teile der Cohortes Urbanae sind zu Claudius übergelaufen und im Senat lähmten Zerstrittenheit und Erschöpfung die Schlagkraft.

Und so mußten Claudius und seine Gefolgsleute nur noch in der sicheren Prätorianerkaserne abwarten bis der Widerstand völlig zum Erliegen kam; doch auch sie wußten, daß sie nur regieren konnten, wenn sie den Schein der jahrhunderte alten Legitimation wahren und auch den Senat zur Fortsetzung des Principates noch auf ihre Seite ziehen können. Also verhielt sich Claudius milde gegen den Senat, doch die Bevölkerung stand der Herrschaft des hochgebildeten, wissenschaftlich tätigen, aber körperlich behinderten Mannes zunächst ablehnend gegenüber.

Am Morgen des folgenden Tages trat Claudius mit seinem Rat das erste Mal zusammen; der erste Beschluß war das Todesurteil gegen Cassius Chaerea mit der Begründung, daß die Tat zwar lobenswert, der Täter jedoch ein Verbrecher und Kaisermörder war. Anzumerken ist hier, daß die Initiative zur Verurteilung nicht von Claudius selbst ausgegangen ist. Chaerea wußte zu viel über die Senatoren und ihre Verstrickungen in den Staatsstreich und hätte ihnen mit diesem Wissen gefährlich werden können. Zudem war Claudius so weitblickend, daß er dies als Abschreckung vor weiteren Anschlägen gegen seine Person verstand.

Abschließend läßt sich feststellen, daß eine Wiederherstellung der Republik zwar durchaus im Interesse der Verschwörer lag; die Durchsetzung dieses hochgesteckten Zieles scheiterte aber schließlich an der mangelhaften Vorbereitung, Uneinigkeit der Verschwörer und der Fehleinschätzung des gegnerischen Vorgehens und derer Möglichkeiten. Zudem war der Principat auch im Bewußtsein der Römer schon zu sehr gefestigt, als das eine reelle Möglichkeit zur "restitutio rei publicae" bestanden hätte...
 
 

Andreas Reißmann, November `98
 
 
 
Anhang:

Quelle: Die Prätorianer ; Kaisermacher - Kaisermörder ; Hans Dieter Stöver ; Langen Müller Verlag 1994
 
 
Fußnoten / Personen- und Sachverweise:

Bei Germanicus handelt es sich um den älteren Bruder von Claudius, der auf Grund seiner militärischen Erfolge in Germanien gleichermaßen bei Volk und Soldaten in höchstem Ansehen stand, daß diese ihn sogar anstelle von Tiberius zum Kaiser ausrufen wollten.

Die Prätorianer setzen sich aus den besten Soldaten und Offizieren der gesamten römischen Armee zusammen. Sie bilden in einem elitären Bewußtsein das Rückrat der Herrschaft und werden deshalb ausgesprochen großzügig besoldet.

Flavius Josephus war röm.-jüdischer Schriftsteller und wie die meisten anderen Autoren, die über den Staatsstreich berichteten, kein Zeitzeuge; vermutlich hat er aus den Quellen des Rufrius Pollio, einem beim Attentat anwesenden Konsular, geschöpft.

Weitere Informationen können dem Text "die Quellen Sueton und Flavius Josephus" entnommen werden.

Der hochkonservative und reiche Lucius Annius Vinicianus erlangte unter Caligula das Konsulat, sein Treueid auf den Kaiser brachte ihn , wie andere Verschwörer auch in große Gewissenskonflikte.

Lucius Nonius Asprenas war ebenso wie Vinicianus Senator und Konsular; er nahm aus familiären Gründen an der Verschwörung teil und fiel dem Massaker der germanischen Garde zum Opfer.

Zur Zeit des Attentats bekleidete Gnaeus Sentius Saturninus den Konsulat. Es handelt sich bei ihm um einen Parteigänger Caligulas, der dennoch überzeugten Republikaner war.

Der Principat ist eine von Kaiser Augustus eingeführte Staatsform, die eine Diktatur unter dem Anschein der Wahrung republikanischer Traditionen darstellt.

Als Ergänzung kann zudem der Abschnitt "Der Prinzipat" dienen.

Andreas Reißmann

27.05.1999