Tod

Kurz vor dem Tod trafen sich Verwandte und Freunde am Krankenbett, um dem Sterbenden in seiner letzten Stunde beizustehen. Mit dem Abschiedskuß nahm die ihm am nächsten stehende Person gewissermaßen den Geist des Toten auf. Dann wurden ihm die Augen zugedrückt. Anschließend folgte das Wehklangen, bei dem zuerst der Name des Toten mehrfach gerufen wurde (conclamatio), wahrscheinlich, um sicher zu gehen, daß der Tod kein Scheintot war. Der Tote wurde dann gewaschen, ihm wurde sein bestes Gewand angezogen (bei freien Bürgern: toga), und er wurde auf die Totenbahre (lectica funebris) gelegt. Bei einfachen Leuten und Kindern fand die Bestattung (funus) unmittelbar danach im Kreise der Familie statt. Meist gab es bei ihnen auch die einfachere Erdbestattung. Arme wurden von Fackeln beleuchtet in einer einfachen Holzkiste begraben.
 
Abb. 4:Aufbewahrung eines vornehmen Verstorbenen in seinem Haus. Die Haltung der Angehörigen drückt Trauer und Niedergeschlagenheit aus. Szene aus dem Grabmal der Haterier.  Bei wohlhabenden Leuten wurde extra ein Bestattungsunternehmer (libitinarius) beauftragt. Der Leichnam wurde von Fachkräften gesalbt und befand sich bis zu sieben Tage im Haus. Es wurden Lampen aufgestellt und der Leichnam mit Blumen und Kränzen geschmückt. Auch wurde dem Toten häufig nach griechischer Sitte eine Münze unter die Zunge gelegt, als Fährgeld für Charon. Es gab anders als bei einer Geburt keine Anzeige in der Zeitung. In führenden Kreisen 
Abb. 5: Bestattungszug für eine vornehme Persönlichkeit, die auf einem aufwendig dekorierten Totenbett aufgebahrt ist. Zum Zug gehören Klageweiber, Hornisten und Flötenspieler. Sakrophag aus Amiternum wurde der Leichenzug (pompa funebris) durch einen Herold angekündigt. Dieser wurde von einem dissignator ("Ordner) organisiert. Zuerst gingen Musikanten, dann folgten gemietete Klagefrauen (praeficae), die auch Loblieder auf den Toten sangen. Manchmal gab es auch noch "Mietlinge", die für Geld tiefe Trauer zeigten. Dann kamen Tänzer und Schauspieler, die den Toten nachahmten, um an ihn zu erinnern. Diesen folgte ein Wagen, auf dem Personen Wachsmasken von Vorfahren des Verstorbenen trugen, zum Zeichen dafür, daß die Vorfahren ihn ins Familiengrab geleiteten. Dies dokumentierte die Tradition der Adelshäuser. Daran schlossen sich Träger mit Schildern an, auf denen Lobreden auf den Toten standen und welche Titel und Ehren er hatte. Hierauf folgte nun schließlich der eigentliche Leichenwagen. Überlicher war aber eine reichlich geschmückte Totenbahre, die von engen Verwandten getragen wurde. Hinter der Bahre gingen die engsten Hinterbliebenen in Trauerkleidung, 

die Frau und die Töchter mit aufgelösten Haaren. Den Schluß bildeten Trauergäste. Manchmal konnte so ein Leichenzug sehr lang sein und in dem ohnehin schon verstopften Rom Verkehrsprobleme auslösen.

Meistens führte der Leichenzug zum Forum, wo von einem engen Verwandten die Trauerrede (laudatio funebris) gehalten wurde. Der Ruhm des Toten wurde häufig in so einer Rede auf die ganze Familie übertragen. So kam es dazu, daß Schönfärberei den Informationsgehalt mancher Reden erheblich minderte. Nach der Trauerrede zog der Leichenzug zu dem Platz außerhalb der Stadt, an dem der Verstorbene begraben oder verbrannt werden sollte. Seit dem 2. Jh. n. Chr. nahm die Anzahl der Bestattungen zu, was sich an der Massenproduktion der reichlich verzierten Relief-Sakrophage zeigt. Sie nahm den Platz der Scheiterhaufen ein. Es gab eine schlichte Art der Verbrennung (bustum). Dabei wurde ein Grab ausgehoben und mit Holz gefüllt, darüber kam der Leichnam, der angezündet wurde. Die Überreste wurden einfach mit Erde bedeckt.
 
Wesentlich prunkvoller war aber die folgende Art: Der Scheiterhaufen (rogus) wurde wie ein Altar auf einem Verbrennungsplatz (ustrina) aufgeschichtet. Der Leichnam wurde mit der Bahre auf die Spitze gehoben. Dazu kamen Lieblingsgegenstände des Toten wie Schmuck, Kleidung; Waffen. Sie wurden auf den Scheiterhaufen mit letzten Geschenken wie Teppichen oder Kuchen geworfen. Große Mengen von pafümierten Essenzen, Salben und Weihrauch sorgten für einen angenehmen Duft. Dem Toten wurden ein letztes Mal von einem nahen Angehörigen, der ihm auch einen Kuß gab, die Augen geöffnet. Danach wurde der Scheiterhaufen angezündet. Sobald dieser abgebrannt war, war für die meisten die Bestattung zu Ende. Nur die Familie blieb noch da und löschten die glühenden Reste mit Wasser oder Wein. Die Gebeine wurden eingesammelt und mit Wein oder Milch besprengt und auf Leichentüchern getrocknet. In einer Urne wurden sie dann vom Verbrennungsplatz zum eigentlichen Grab gebracht. Das ende bildete ein Leichenmal und ein Reinigungsopfer. Neun Tage nach der Bestattung gab es zum Totengedenken wieder einen Leichenschmaus. Außerdem wurde jedes Jahr am Geburtstag des Verstorbenen ihm gedacht und es gab die Parentalia (13.-21.Februar), die jährliche Totenfeier. Ihren Höhepunkt hatten die Feierlichkeiten am letzten Tag (Feralia). An diesem Tag wurden kleine Geschenke zum Grab getragen. Reichere Leute stellten nicht nur die Gaben in einem Tonkrug ans Grab oder gossen Öl durch eine Öffnung hinein, sondern aßen auch in den Grabanlagen zur Ehrung des Toten. Dazu gab es in den  Abb. 6: Vierstöckiger, mit Gir-landen und Statuen ge-schmückter Scheiterhaufen. Münzabbildung, die an die Vergöttlichung Marc Aurels

nach seinem Tode am 17. März 180 n. Chr. erinnert.

Grabbereichen Ruhebänke. Viele Reiche hatten testamentarisch Geld dafür in einer Stiftung bereitgestellt. Weniger Reiche konnten durch die Mitgliedschaft in einer Sterbekasse das Totengedenken sich sichern. Sie hatten Anspruch auf ein würdiges Begräbnis, auf das Schmücken des Grabes und kultische Mahlzeiten, die die überlebenden Mitglieder einnahmen. Deshalb wurden die Mitglieder auch sodales ex symposio ("Mitglieder an der gemeinsamen Essenstafel") genannt. Außerdem gab es noch die Lemuria (9., 11. Und 13. Mai) als Totengedenktage. Amersten Tag der Lemuria ging man zum Grab und legte dort Gaben nieder, die restlichen Tage spielten sich aber im Haus ab. Aus Furcht vor den Lemuren, den Totengeistern, hatten sich Riten herausgebildet. So mußte der Hausvater z.B. schwarze Bohnen als Opfergabe hinter sich werfen und neunmal manes exite paterni! ("Seelen der Väter, geht aus dem Hause!") rufen. Dadurch sollten die Toten zur Rückkehr in die Gräber aufgefordert werden.
 
Abb. 7: Grabbebauung an der Via Appia, der bedeutensten "Friedhofstraße" Roms. Die Friedhöfe waren außerhalb der Stadt und Leute, die in die Stadt wollten, mußten meist daran vorüber. So kam es häufig vor, daß auf den Grabsteinen eine Bitte zu lesen war, daß der Wanderer doch verweilen solle und dem hier ruhenden Toten gedenken solle. Resta viator, et lege ("Bleib stehen, Wanderer, und lies."). Die Römer wünschten eine Nähe von Leben und Tod, deshalb waren die Gräber auch an großen Verkehrsstraßen. Dies hatte natürlich auch den ungewünschten Nebeneffekt von Grabschändung, so daß manchmal sogar Wachen aufgestellt wurden. Die Plätze in der ersten Reihe, also möglichst dicht 

an der Straße waren die begehrtesten. So kommt es, daß es regelrechte Gräberstraßen gab mit einer ganzen Front von Grabbauten. Da jeder den besten Grabplatz haben wollte, wurden unmengen von Geld dafür ausgegeben. Häufig kam es daher auch vor, daß schon zu Lebzeiten ein Grab gekauft wurde und das Grabmal gebaut wurde, so konnte man bei der Architektur und Ausstattung mitreden. Es war auch nicht ungewöhnlich, daß zu vorgerückter Stunde bei einem Gastmahl der Hausherr anfing, darüber zu sprechen, vor allem, wenn der Architekt anwesend war. Das kein Anstoß daran genommen wurde liegt daran, daß der Tod in der Antike viel gegenwärtiger war als heute und es sich bei einem Grabmal häufig auch um eine Selbstdarstellung handelte. Man sollte dadurch nicht so schnell vergessen werden. Bei einem Grabmal waren dem Architekten und dem Bauherrn keine Grenzen gesetzt, so kam es vor, daß es durch das Streben nach mehr Individualität immer mehr Besonderheiten gab. Inhaltlich wurde vor allem der Wert des Verstorbenen für die Allgemeinheit hervorgehoben. Freigelassene ließen öfters ihren Aufstieg dokumentieren mit genauen Angaben über das hinterlassene Vermögen. Viele Grabmäler schmücken auch Szenen aus dem Privatleben. Dies alles zeigt, daß ein Grabmal nicht nur den Toten rühmen sollte, sondern auch den Angehörigen Ansehen brachte und bringen sollte. Dies galt vor allem für die reichen Römer. Bei den Armen stand nicht das Streben nach Ehre (honor) und ehrendem Angedenken (memoria) im Vordergrund, sondern die Sicherung des Existenzminimums. Einfache Sklaven konnten aber auch das Glück haben, in dem Grabmal ihrer Familie beigesetzt zu werden, da die Erwähnung vieler Sklaven, die mitbegraben sind, einiges über die gesellschaftliche Stellung aussagte.
 
Durch die Anlage von Parallelstraßen wuchsen die Friedhöfe vielerorts in die Tiefe. Platzsparend und daher auch günstiger waren Grabplätze in den columbaria. Columbaria sind hauptsächlich unterirdische Gewölbe. In ihren zahlreichen Nischen war Platz für die Urnen. Solche Plätze kosteten weniger und waren für weniger reiche erschwinglich. Ihren Namen hatten sie daher, daß sie an Taubenschläge erinnerten (Taube = columba). Diese setzten sich aber nur in einer Millionenstadt wie Rom und ihrer Umgebung durch. Die Vergabe erfolgte folgendermaßen: Man mußte sich mit einer Grundgebühr und jährlicher Beitragszahlung in eine Sterbekasse einkaufen. Dann bekam man Anrecht auf eine Nische in der Großanlage, die durch die Beiträge gebaut, gepflegt, ausgeschmückt und verwaltet wurde. Die unteren Plätze (ollae) waren am begehrtesten, da dort die Angehörigen sich zum Totenopfer direkt am Grab versammeln konnten. Die Vergabe dieser Plätze wurde durch Los entschieden. Man konnte sich durch entsprechend viele Anteile auch mehrere Urnenplätze sichern, deren Eigentumsrechte man verkaufen konnte. Die Namen der Verstorbenen wurden auf kleine  Abb. 8: Blick ins Columbarium des Pomponius Hylas in Rom.

Marmortafeln geschrieben und über oder unter der Nische angenagelt waren. Arme wurden wohl auf dem Feld einfach verscharrt oder auf Armenfriedhöfen begraben. In Rom gab es bis zu Augustus einen grauenvollen Sklaven- und Armenfriedhof auf dem Esquilin. Das Areal war etwa 300 x 90 m groß und mit Grenzsteinen markiert. Die Toten wurden achtlos in Gruben geworfen. Diese Massengräber hießen puticuli ("Verrottungsgruben"). Bei Ausgrabungen wurden 75 solcher puticuli auf dem Esquilin gefunden. Sie enthielten menschliche Leichname, genauso wie Tierkadaver und Müll. Maecenas ließ über diesen Schandfleck einen Park errichten. Wo danach die Armen bestattet wurden, ist nicht bekannt.

Der Freitod war bei den Römern kein unmoralischer Akt. Es gab berühmte Römer die den Freitod wählten, darunter: Cato Uticensis, die Caesar-Mörder Brutus und Cassius, Marc Anton, Seneca und Nero. Es gab auch Frauen, die den Freitod wählten, die sagenhafte karthagische Königin Dido, Kleopatra und die legendäre Römerin Lucretia. Es gab viele Motive für Freitod. Man ist sich aber nicht schlüssig, wie häufig der Freitod war, sicher ist nur, daß er in allen Schichten praktiziert wurde. In den unteren Schichten wurde das einfache Hängen häufig gewählt. In den Oberschichten wurde meist das Schwert benutzt oder die Ader geöffnet, da solche, den Toten verunstaltenden Wege wie Hängen oder das Springen aus großer Höhe, vermieden wurden.
 
Dörte Feichtenschlager

22.04.1999